„Aufpasser mit Zeigefinger“: Telematik-Tarife kämpfen mit Akzeptanzproblemen
Telematik-Tarife gelten als Innovation in der Kfz-Versicherung – doch viele Autofahrer stehen ihnen skeptisch gegenüber. Eine Studie der TH Köln in Zusammenarbeit mit der University of Limerick wirft ein kritisches Licht auf Bonus-Malus-Modelle, bei denen sich die Versicherungsprämie nach dem individuellen Fahrverhalten richtet. Der Text erschien zuerst im expertenReport 05/25.
Während aktuell meist Rabatte für die Nutzung eines Telematik-Tarifs gewährt werden – unabhängig vom tatsächlichen Fahrstil –, könnten künftige Modelle auch Zuschläge für riskantes Verhalten vorsehen. Was aus Sicht der Risikogerechtigkeit konsequent erscheint, stößt bei Autofahrern auf Widerstand. „Zurzeit sind Telematik-Versicherungstarife in Deutschland ein Nischenprodukt. Mit kontinuierlich steigenden Beiträgen für reguläre Policen könnte sich dies jedoch ändern“, erklärt Prof. Dr. Michaele Völler vom Institut für Versicherungswesen der TH Köln. Damit ein Bonus-Malus-Modell wirklich risikogerecht sei, müssten riskante Fahrstile auch zu höheren Beiträgen führen – ein Punkt, der gesellschaftlich und psychologisch umstritten ist.
Sechs Stolpersteine für die Akzeptanz
Im Rahmen qualitativer Interviews mit Telematik-Nutzern identifizierten die Forscher gleich mehrere Faktoren, die einer breiten Akzeptanz im Weg stehen:
- Intransparenz: Nutzer verstehen oft nicht, warum ihre Fahrwerte sinken.
- Ungerechte Bewertungen: Kontextabhängige Fahrmanöver wie plötzliches Bremsen werden pauschal negativ bewertet.
- Selbstbildkonflikte: Ein schlechter Score steht im Widerspruch zum subjektiven Eindruck, ein sicherer Fahrer zu sein.
- Fehlanreize: Einzelne Fahrer berichten von riskantem Verhalten, um den Score zu verbessern – etwa beim Überfahren gelber Ampeln.
- Technische Probleme: Schwierigkeiten bei der Installation der Sensorbox beeinträchtigen die Nutzererfahrung.
- Datenschutzbedenken: Die Angst vor Überwachung bleibt ein Hemmnis.
„In seiner jetzigen Form ist das Telematik-System der Aufpasser mit erhobenem Zeigefnger“, bringt es Studienleiter Prof. Dr. Tim Jannusch auf den Punkt. Ohne verbesserte Kommunikation und einen echten Mehrwert für die Nutzer sei es schwierig, vor allem riskanter fahrende Personen für Telematik-Modelle zu gewinnen.
Zwischen Potenzial und Problemfall
Dabei zeigen andere Länder, dass digitalisierte Fahrbewertung durchaus massentauglich sein kann – wenn Nutzer klar nachvollziehen können, wie sie Einfluss auf ihren Score nehmen. Die deutschen Versicherer stehen daher vor einer doppelten Herausforderung: Technik und Tarifmodell weiterentwickeln – und Vertrauen aufbauen.
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