Schaden-/Unfallversicherer zurück in der Gewinnzone

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Trotz hoher Inflation und schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen konnten die deutschen Schaden-/Unfallversicherer 2022 in die Gewinnzone zurückkehren und einen versicherungstechnischen Gewinn erwirtschaften. Im Vergleich zum Vorjahr, als die Branche noch unter historischen Belastungen durch Elementarschadenereignisse litt, war das eine deutliche Verbesserung.

Dabei profitierte die Branche von einer durchschnittlichen Elementarschadenbelastung, welche den inflationsbedingt stark steigenden Schadenaufwendungen entgegenwirkte. Allerdings bleibt die Inflation ein substanzieller Einflussfaktor auf die Geschäftsentwicklung der deutschen Schaden-/Unfallversicherer, wodurch die Margen und die Wachstumsdynamik in den kommenden Jahren deutlich unter Druck geraten könnten. Dies teilte die Rating-Agentur Assekurata auf ihrer Audio-Web-Pressekonferenz am 23. Mai 20253 „Marktausblick Schaden-/Unfallversicherung“ mit.

Inflation hält die Schadenkosten auf hohem Niveau

„Nach der historisch hohen Elementarschadenbelastung 2021 sind die deutschen Schaden-/Unfallversicherer im Geschäftsjahr 2022 in die Gewinnzone zurückgekehrt und konnten einen versicherungsgeschäftlichen Gewinn von rund vier Milliarden Euro erwirtschaften“, erläuterte Dennis Wittkamp, Fachkoordinator Schaden-/Unfallversicherung der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH.

„Obwohl die Inflation die Schadenkosten stark erhöht hat, konnte die durchschnittliche Elementarschadenbelastung diese Wachstumsdynamik teilweise abmildern. Allerdings wird die Inflation ein substanzieller Einflussfaktor für die Geschäftsentwicklung der deutschen Schaden-/Unfallversicherer bleiben und die Margen in naher Zukunft unter Druck setzen“, so der Studienautor weiter .

Wirtschaftliches Umfeld dämpft Wachstumsdynamik

Beitragsseitig konnte die Branche auch 2022 ihren Wachstumskurs fortsetzen und die Einnahmen mit 4,0 Prozent deutlicher steigern als im Mittel der Jahre 2010-2022 (~3,0 Prozent). Allerdings wuchs der Vertragsbestand aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen nur um 0,6 Prozent, was deutlich geringer ist als der langjährige Trend von etwa 1,3 Prozent.

Die Versicherungsleistungen fielen inflationsbedingt geringer als erwartet, aber dennoch deutlich von 63,5 Mrd. Euro auf 59,9 Mrd. Euro. Dadurch sank die kombinierte Schaden-Kosten-Quote (Combined Ratio) von 102,3 Prozent auf etwa 95 Prozent, was der Branche einen versicherungstechnischen Gewinn von etwa vier Milliarden Euro bescherte.

Die wirtschaftliche Situation der deutschen Schaden-/Unfallversicherer zeigt sich auch im „Ertrags- und Wachstumsindikator“, einer kombinierten Betrachtung von Ertrag und Wachstum. Darin wird die Combined Ratio vor Rückversicherung als branchengängige Ertragskennzahl in Relation zur Zuwachsrate der gebuchten Bruttobeiträge gesetzt. Die Größe der Datenpunkte spiegelt die Bestandsanteile der einzelnen Zweige auf Branchenebene wider.

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Dabei erwiesen sich 2022 mit der Wohngebäude- und der Kraftfahrtversicherung die beiden prämienstärksten Zweige als sogenannte „vitale Verlustbringer“. Es handelt sich um Zweige, die eine Combined Ratio über von 100 Prozent aufweisen (unterer Bereich der Grafik) und gleichzeitig einen Anstieg der Beiträge verzeichnen (rechter Bereich).

Wettbewerbsdruck dämpf Beitragsanpassungen in der Kfz-Versicherung

Insbesondere die Wohngebäudeversicherung und die Kraftfahrtsparten hatten dabei unter inflationsbedingt steigenden Schadenaufwendungen zu leiden. „Die Beitragsanpassungen in der Kraftfahrtversicherung waren aus Wettbewerbsgründen bisher jedoch viel zu niedrig. Um langfristig wieder in die Gewinnzone zu gelangen, müssten die Unternehmen die Beiträge im zweistelligen Prozentbereich anpassen“, erklärte Dennis Wittkamp.

Zusätzlich wird sich die Wachstumsdynamik der vergangenen Jahre voraussichtlich im Jahr 2023 weiter abschwächen. „Die Neuzulassungen und Besitzumschreibungen liegen weiterhin auf vergleichsweise niedrigem Niveau, was bedeutet, dass die Kfz-Versicherer immer noch in einem sehr umkämpften Markt agieren, was notwendige Preisanpassungen erschwert“, fügte Wittkamp hinzu.

Wohngebäudeversicherungen dürften sich deutlich verteuern

Stark steigende Prämien erwartet Assekurata auch in der Wohngebäudeversicherung. „Die unverändert hohe Inflation im Baugewerbe treibt über den Baupreisindex unmittelbar die zu zahlende Prämie. Damit wird es im laufenden Jahr erneut deutlich teurer für die Kunden“, ist sich Dr. Reiner Will sicher.

Gleichzeitig wird sich das Wachstum nach Verträgen voraussichtlich abschwächen. „Die bereits deutlich rückläufige Bautätigkeit wird sich im Laufe des Jahres noch verstärken und die Wachstumsdynamik in der Wohngebäudeversicherung nachdrücklich dämpfen“, prognostizierte Reiner Will.

Pflichtversicherung gegen Elementarschäden unumgänglich

Größere Vertragszuwächse könnte die Branche hingegen verzeichnen, wenn eine Versicherungspflicht für Wohngebäude gegen Elementarereignisse eingeführt würde. „Es hat sich gezeigt, dass auf freiwilliger Basis keine angemessene Versicherungsdichte erreicht werden kann. Obwohl viele Versicherer durch den Einsatz von Opting-Out-Regelungen den Anteil an Wohngebäudeversicherungen mit Elementarschutz erhöhen konnten, ist die Gesamtzahl immer noch zu niedrig.

Zudem lasse sich nur mit einer Versicherungspflicht ein optimaler Risikoausgleich erreichen, plädierte Dennis Wittkamp für die Einführung einer Versicherungspflicht:. „Staatliche Zuschussmodelle sollten hier dann finanzielle Härten abfedern, da die Folgen des Klimawandels als gesamtgesellschaftliche Aufgabe den Einsatz von Steuermitteln rechtfertigen. Zugleich muss aber auch das Bauordnungsrecht an den Klimawandel angepasst werden“, sekundierte Reiner Will.

2023 bleibt herausfordernd

Das Jahr 2023 stellt die deutschen Schaden-/Unfallversicherer aus Sicht von Assekurata erneut vor zahlreiche Herausforderungen. Dabei identifiziert das Kölner Ratinghaus die steigenden Zinsen und die Inflation als zentrale Einflussfaktoren, welche die Branche im aktuellen Geschäftsjahr beschäftigen werden.

„Aus Ertragssicht dürfte 2023 erneut ein schwieriges Jahr für die Branche werden“, ist sich Dennis Wittkamp sicher. „Die Inflation wird die Schadenkosten unabhängig von der Schadenhäufigkeit deutlich in die Höhe treiben. Die bisher erfolgten Beitragsanpassungen dürften kaum ausreichen, um die steigenden Kosten auszugleichen.“

Wie in den vergangenen Jahren stellt die Kölner Rating-Agentur ihren Ausblick für die Versicherungswirtschaft im Zuge von einzelnen Presseveranstaltungen vor. Interessenten können den 43 Folien umfassenden Bericht für die Schaden-/Unfallversicherung nebst einer begleitenden Videopräsentation auf der Internetseite der Assekurata gegen eine Schutzgebühr von 900 Euro zzgl. MwSt. erstehen

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