Marktausblick: Kein leichtes Jahr für Schaden-/Unfallversicherer

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Die Jahresabschlüsse der Schaden-/Unfallversicherer wurden 2021 zusätzlich zu den wirtschaftlichen Folgen der Anti-Corona-Maßnahmen insbesondere durch Elementarschadenereignisse schwer belastet. Durch das Sturmtief „Bernd“ und weitere Unwetterereignisse erreichte die Schadenbelastung ein bisher nie dagewesenes Rekordniveau und bescherte der Branche erstmals seit langem wieder einen versicherungstechnischen Verlust.

Die Rating-Agentur Assekurata teilte ihre Ergebnisse des Marktausblicks zur Schaden-/Unfallversicherung auf ihrer Audio-Web-Pressekonferenz am 7. Juni 2022 mit und prognostiziert kein leichtes Jahr für die Branche.

Hohe Elementaschadenbelastung sorgt für versicherungstechnischen Verlust

Nach der pandemiebedingt geringeren Schadenbelastung und den zudem vergleichsweise geringen Elementarschäden im Geschäftsjahr 2020 habe es den deutschen Schaden-/Unfallversicherern 2021 sprichwörtlich die Bilanzen verhagelt. Konnte die Branche im Geschäftsjahr 2020 noch einen versicherungsgeschäftlichen Gewinn von über 7 Mrd. Euro einfahren, habe die Branche 2021 erstmals seit langer Zeit wieder rote Zahlen geschrieben, fasst Dennis Wittkamp, Fachkoordinator Schaden-/Unfallversicherung der Assekurata Assekuranz Rating-Agentur GmbH und Autor der Untersuchung, die Ergebnisse zusammen. Er betont:

Die hohen Elementarschäden haben die deutschen Schaden-/Unfallversicherer dabei zwar stark belastet, aber nicht überlastet.

Rückversicherung entlastet Erstversicherer spürbar

Aufgrund abweichender Geschäftsmixe sind die einzelnen Gesellschaften unterschiedlich betroffen und die Auswertung der ersten veröffentlichten Geschäftsberichte zeigt, dass ein erheblicher Teil der Elementarschäden rückversichert ist. Dies sorge bei den Erstversicherern für deutliche Entlastung, dürfte mittelfristig aber Auswirkungen auf den Preis des Rückversicherungsschutzes haben, erwartet Assekurata-Geschäftsführer Dr. Reiner Will.

Beitragsseitig konnte die Branche ihren Wachstumskurs fortsetzen, wenngleich die Einnahmen mit 2,2 Prozent etwas geringer anstiegen als im Mittel der vergangenen zehn Jahre (2,9 Prozent). Gleichzeitig stiegen die Versicherungsleistungen deutlich von 51,3 Mrd. Euro auf 62,3 Mrd. Euro an. Folgerichtig erhöhte sich auch die kombinierte Schaden-Kosten-Quote (Combined Ratio) von 90,7 Prozent auf rund 102 Prozent und bescherte der Branche 2021 mit rund 1,5 Mrd. Euro den ersten versicherungstechnischen Verlust seit 2013.

Die wirtschaftliche Situation der deutschen Schaden-/Unfallversicherer zeigt sich auch im „Ertrags- und Wachstumsindikator“, einer kombinierten Betrachtung von Ertrag und Wachstum. Darin wird die Combined Ratio vor Rückversicherung als branchengängige Ertragskennzahl in Relation zur Zuwachsrate der gebuchten Bruttobeiträge gesetzt. Die Größe der Datenpunkte spiegelt die Bestandsanteile der einzelnen Zweige auf Branchenebene wider.

Dabei erwiesen sich 2021 mit Ausnahme der Wohngebäude- und der Rechtsschutzversicherung erneut alle Zweige als sogenannte „vitale Ertragsträger“, wenngleich zum Teil nur knapp. In diese Rubrik fallen Zweige, die eine Combined Ratio unter 100 Prozent aufweisen (oberer Bereich der Abbildung) und zugleich einen Beitragszuwachs zu verzeichnen haben (rechter Bereich).

Elementarschadenereignisse treffen besonders Wohngebäude- und Kraftfahrtversicherung

Insbesondere die Wohngebäudeversicherung hatte unter einer hohen Elementarschadenlast zu leiden, während sich die Kraftfahrtversicherung insgesamt, trotz einer ebenfalls hohen Schadenlast, noch ertragreich zeigte. Die Kraftfahrtversicherung habe vor allem von der geringeren Schadenbelastung in der Kraftfahrthaftpflicht profitiert, welche vornehmlich auf die Pandemie zurückzuführen sei, erklärt
Dennis Wittkamp.

In den Kaskosparten sind die Spuren der Unwetter jedoch auch deutlich zu erkennen. Mit Blick auf die Kraftfahrtversicherung ist vor diesem Hintergrund ein Anstieg der Prämien zu erwarten. Die Schadenentwicklung in den Kaskosparten habe sich schon Anfang 2022 in leicht erhöhten Prämien niedergeschlagen. Zusätzlich dürfte die Inflation bei Ersatzteilen, die in der Regel nochmals deutlich oberhalb der normalen Inflation liege, die Schadenbelastung der Versicherer weiter steigen
lassen und somit Prämienerhöhungen am Jahresende erfordern, ist Wittkamp überzeugt. Zusätzlich dürfte sich die Wachstumsdynamik der vergangenen Jahre 2022 deutlich abschwächen. Wittkamp erläutert:

Im ersten Quartal 2022 sind die Neuzulassungen und die Besitzumschreibungen merklich zurückgegangen, die Kfz-Versicherer haben es also erstmals seit langem mit einem schrumpfenden Markt zu tun.

Wohngebäudeversicherungen dürften sich deutlich verteuern

Steigende Prämien sind auch in der Wohngebäudeversicherung zu erwarten. Hier wirke insbesondere die Inflation im Baugewerbe über den Baupreisindex unmittelbar auf die zu zahlende Prämie. Somit dürfte es im laufenden und wohl auch im kommenden Jahr deutlich teurer für die Kunden werden, ist sich Dr. Reiner Will sicher.

Zusätzlich haben bereits im ersten Quartal 2022 Sturmereignisse für vergleichsweise hohe Schäden gesorgt. Will prognostiziert, dass das Gesamtjahr also erneut eine hohen Schadenlast mit sich bringen könne, was den Druck auf die Prämien zusätzlich erhöhe.

Auch nach Verträgen dürften die Versicherer deutlicher wachsen als in der Vergangenheit. Die Unwetter und das mediale Echo haben das Thema Absicherung des eigenen Wohngebäudes gegen Elementarrisiken stärker in das Bewusstsein der Menschen gebracht. Dies habe bereits unmittelbar nach der Flutkatastrophe durch das Unwetter „Bernd“ zu einer deutlichen Zunahme der Vertragsabschlüsse geführt und dürfte auch 2022 noch für eine stärkeres Vertragswachstum sorgen, erwartet Reiner Will.

2022 steckt voller Herausforderungen

Das Jahr 2022 stellt die deutschen Schaden-/Unfallversicherer aus Sicht von Assekurata vor zahlreiche Herausforderungen. Pandemie, Krieg in der Ukraine, steigende Zinsen, Inflation seien nur einige der Einflussfaktoren, welche die Branche im Geschäftsjahr 2022 beschäftigen werden. Die hohe Unsicherheit für die Unternehmen ergebe sich insbesondere daraus, dass die verschiedenen Einflussfaktoren zum Teil in Abhängigkeit zueinanderstehen, teilweise aber auch gegenläufige Auswirkungen haben, erklärt Dennis Wittkamp.

So hänge die große Unsicherheit bezüglich der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland, nicht zuletzt mit der weiteren Entwicklung der Pandemie und dem Kriegsverlauf in der Ukraine zusammen. Beides nehme auch Einfluss auf die Geldpolitik und damit auf die Inflation, welche wiederum maßgeblichen Einfluss auf die Schadenaufwände habe, ergänzt Reiner Will. Der weitere Geschäftsverlauf wird maßgeblich auch davon abhängen, in welcher Form und wie schnell sich die gesamtwirtschaftliche Situation wieder normalisiert.

Der anhaltende Krieg in der Ukraine und die pandemiebedingten Störungen von Lieferketten dämpfen aktuell die wirtschaftliche Erholung. Auf dieser Basis rechne die Assekurata für 2022 mit einem marktweiten Beitragswachstum unterhalb der 2,2 Prozent aus dem Jahr 2021, prognostiziert Dennis Wittkamp. Aus Ertragssicht dürfte 2022 erneut ein schwieriges Jahr für die Branche werden:

Die Inflation wird die Schadenkosten unabhängig von der Schadenhäufigkeit deutlich in die Höhe treiben. Sollte dies auf eine hohe Elementarschadenbelastung treffen, könnte der Branche erneut ein schwieriges Jahr bevorstehen.


Interessenten können den 46 Folien umfassenden Bericht für die Schaden-/Unfallversicherung nebst einer begleitenden Videopräsentation auf der Internetseite der Assekurata gegen eine Schutzgebühr von 839 Eruo zzgl. Mehrwertsteuer erstehen.

Bild (2):© Assekurata Rating-Agentur GmbH