Deutsche fordern mehr digitale Gesundheitsangebote

Die Mehrheit der Deutschen Bundesbürger geht der Ausbau von digitalen Gesundheitsangeboten nicht schnell genug. So sagen rund zwei Drittel (65 Prozent) der Menschen in Deutschland, es sei mehr Tempo nötig. Das zeigen zwei Umfragen von Bitkom Research im Auftrag des Digitalverbands Bitkom.

60 Prozent sind der Ansicht, Deutschland liege im Vergleich zu anderen Ländern bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems zurück.

Aber während der Corona-Pandemie hat sich gerade in den vergangenen Wochen viel getan: So haben 13 Prozent bereits eine Video-Sprechstunde mit einem Arzt oder Therapeuten wahrgenommen. Damit hat sich der Wert im Vergleich zum Vorjahr (5 Prozent) fast verdreifacht. Zudem kann sich von jenen, die bislang noch keine Video-Sprechstunde wahrgenommen haben, fast jeder Zweite vorstellen, künftig auch online zum Arzt zu gehen.

Dr. Bernhard Rohleder, Bitkom-Hauptgeschäftsführer, dazu:

„Videosprechstunden werden während der Corona-Pandemie sehr viel häufiger genutzt und die Nachfrage auf Seiten der Patienten ist so hoch wie noch nie. Patienten und medizinisches Personal werden vor Ansteckung geschützt, Fahrtwege und Wartezeiten entfallen. Die Gesundheitsversorgung wurde durch die Video-Sprechstunden in den vergangenen Wochen stark verbessert. Der rasche Zuwachs zeigt, wie groß Offenheit und Bedarf in Deutschland sind. Dabei sind andere Länder beim Ausbau digitaler Gesundheitsangebote sehr viel fortschrittlicher. Wir müssen in Deutschland dringend nachziehen. Ob alternde Gesellschaft oder Ärztemangel: Ohne Digitalisierung wird unser Gesundheitssystem die kommenden Herausforderungen nicht bewältigen können.“

Die Ergebnisse der Studien im Überblick

Video-Sprechstunden

Mehr Frauen (16 Prozent) als Männer (9 Prozent) haben bereits eine Video-Sprechstunde bei einem Arzt oder Therapeuten wahrgenommen.

12 Prozent sagen, auch künftig wieder eine Video-Sprechstunde nutzen zu wollen. Nur 1 Prozent will davon absehen. 87 Prozent beurteilen ihre Erfahrung gut oder sehr gut.

38 Prozent schließen das Nutzen einer Videosprechstunde für sich aus. In dieser Gruppe bevorzugt die Mehrheit ein persönliches Gespräch (84 Prozent) oder hat Sorge vor einer Fehldiagnose (75 Prozent), wenn man sich nur online trifft. Jeder fünfte unter denjenigen, die eine Video-Sprechstunde ablehnen (21 Prozent), verfügt nicht über die notwendigen technischen Voraussetzungen bei sich.

Wenn eine Video-Sprechstunde in Anspruch genommen wird, dann fast ausschließlich beim eigenen, bereits bekannten Arzt (97 Prozent). Der Rest bucht einen Besuch bei einem bislang unbekannten Arzt über eine Online-Plattform.

Dabei war für viele das Coronavirus ausschlaggebend, um eine Videosprechstunde zu nutzen, denn 85 Prozent sorgen vor einer Infektion mit Covid-19 in der Arztpraxis. 41 Prozent haben Angst, sich im Wartezimmer mit einer anderen Krankheit anzustecken.

Mehr als jeder Zweite (54 Prozent) gibt als Grund an, möglichst schnell einen ärztlichen Rat erhalten zu wollen, weitere Gründe sind die Vermeidung von Wartezeit (38 Prozent), Bequemlichkeit (35 Prozent) und bei jedem Vierten (26 Prozent): Neugier.

Apps auf Rezept

Ab Sommer 2020 werden Gesundheits-Apps, die der Arzt verschreibt, in Deutschland verfügbar sein und von der gesetzlichen Krankenversicherung übernommen.

59 Prozent der Befragten können sich gut vorstellen, eine solche App zu nutzen. Selbst von den über 65-Jährigen sagt dies fast jeder Zweite.

40 Prozent wollen ihren Arzt sogar aktiv nach einer App auf Rezept fragen und 30 Prozent sind der Meinung, dass es künftig Fälle gibt, in denen Apps konventionelle Therapien ersetzen.

Ohnehin sind Smartphone-Nutzer bereits sehr versiert, wenn es um Gesundheits-, Fitness- oder Ernährungs-Apps geht. Denn 75 Prozent haben mindestens eine frei verfügbare App installiert, darunter vor allem Apps mit Sportübungen für zuhause (38 Prozent),

Dr. Bernhard Rohleder sagt:

„Viele Menschen ziehen einen großen Nutzen aus Apps, mit denen sie ihr Bewegungspensum oder ihre Ernährungsgewohnheiten verfolgen können. Für einige kann das auch zur Belastung werden.“

Elektronische Patientenakte

Zum 1. Januar 2021 kommt die elektronische Patientenakte (ePa). 73 Prozent der Befragten würden die ePa nutzen. Besonders wichtig ist denjenigen, die sich eine Nutzung vorstellen können, das Thema Daten: So ist für 64 Prozent essenziell, dass die Datenhoheit beim Versicherten liegt und nur der Patient bestimmt, welcher Arzt welche Daten sehen darf. Fast ebenso viele (63 Prozent) nennen insgesamt Datenschutz und Datensicherheit als wichtigste Themen. Fast jedem Dritten (31 Prozent) ist die Bedienungsfreundlichkeit besonders wichtig. 24 Prozent wünschen sich einen mobilen Zugang über das Smartphone.

Dr. Bernhard Rohleder dazu:

„Die elektronische Patientenakte ist das Kernstück der Digitalisierung des Gesundheitswesens. Mit ihr erhalten die Versicherten einen schnellen Zugriff auf ihre medizinischen Daten, ihre Diagnosen oder ihren Impfpass. Sie werden dadurch als Patienten souveräner und mündiger. Problematisch ist, dass die Versicherten künftig kaum Wahlfreiheit bei der elektronischen Patientenakte genießen. Wer eine andere ePa als die seines Versicherers möchte, muss dafür die Krankenkasse wechseln. Die ePa eines privaten Anbieters zu wählen, wird nicht möglich sein. Dies ist ein tiefgreifender und aus unserer Sicht inakzeptabler Einschnitt in die Wahlfreiheit der Patienten.“

E-Rezept

Ebenfalls 2021 wird das elektronische Rezept in Deutschland eingeführt, das dann via Smartphone-App in der Apotheke nach Wahl eingelöst werden kann. Zwei Drittel  können sich die Nutzung vorstellen. Bei den 16- bis 29-Jährigen sind es 70 Prozent, 64 Prozent bei den 30- bis 49-Jährigen, 69 Prozent bei den 50- bis 64-Jährigen und 62 Prozent bei den über 65-Jährigen.

Künstliche Intelligenz

Insgesamt sehen viele Menschen die KI als effektive Unterstützung: 64 Prozent meinen, dass Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten haben, wenn Künstliche Intelligenz ihnen einfache Tätigkeiten abnimmt.

44 Prozent sagen, sie würden sich künftig regelmäßig eine Zweitmeinung von einer Künstlichen Intelligenz einholen. 2019 waren es noch 31 Prozent. 45 Prozent meinen sogar, Ärzte sollten grundsätzlich ihre Diagnose von einer KI prüfen lassen (2019: 39 Prozent).

58 Prozent sagen, Computerprogramme mit künstlicher Intelligenz analysieren Röntgenbilder schneller als Ärzte und sollten ihnen diese Aufgabe dauerhaft abnehmen.

Dr. Bernhard Rohleder erklärt:

„KI kann den Arzt von Routineaufgaben entlasten – und mithilfe von Big Data verbesserte Diagnosen liefern. KI hat einen großen Einfluss darauf, wie medizinische Behandlung in Zukunft aussehen wird. Dabei geht es nicht nur um die Diagnose, sondern auch um Forschung und Entwicklung, um Behandlung und Heilung, wovon Millionen Patienten profitieren werden.“

 

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