Der Boom täuschtGründungsboom mit Substanzproblem: Warum 70 Prozent Nebenerwerb ein Warnsignal sind

Veröffentlichung: 07.04.2026, 14:04 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Der starke Anstieg der Gründungszahlen in Deutschland wirkt auf den ersten Blick wie ein überfälliges Signal wirtschaftlicher Belebung. Tatsächlich ist die Dynamik jedoch einseitig gelagert und verweist weniger auf wachsende unternehmerische Substanz als auf eine Verschiebung im Erwerbsverhalten. Im Jahr 2025 wurden rund 690.000 Gründungen registriert, nach 585.000 im Vorjahr, doch der Zuwachs speist sich nahezu vollständig aus dem Nebenerwerb, der mit 483.000 Fällen um 26 Prozent zulegt und inzwischen einen Anteil von 70 Prozent erreicht. Der Vollerwerb hingegen stagniert seit Jahren. Quelle ist die Vorabauswertung des KfW-Gründungsmonitors 2025.

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70 % der Gründungen im Nebenerwerb: Der Boom 2025 zeigt weniger Aufbruch als Anpassung – mit Folgen für Wachstum und Mittelstand.70 % der Gründungen im Nebenerwerb: Der Boom 2025 zeigt weniger Aufbruch als Anpassung – mit Folgen für Wachstum und Mittelstand.Adobe

Selbstständigkeit als Einkommensstrategie

Damit verändert sich die Qualität der Gründungstätigkeit grundlegend. Der Schritt in die Selbstständigkeit erfolgt immer seltener als bewusste unternehmerische Entscheidung und immer häufiger als funktionale Ergänzung bestehender Erwerbsstrukturen. Für viele Haushalte steht nicht der Aufbau eines tragfähigen Geschäftsmodells im Vordergrund, sondern die Stabilisierung des verfügbaren Einkommens. Steigende Lebenshaltungskosten und eine spürbar höhere Unsicherheit am Arbeitsmarkt wirken dabei als zentrale Einflussgrößen. Die Gründung wird zur pragmatischen Antwort auf ökonomischen Druck, nicht zur Umsetzung einer klar skalierten Marktchance.

Prävention statt Notgründung

Auffällig ist, dass dieser Wandel nicht primär aus akuter Not heraus entsteht. Der Anteil derjenigen, die Arbeitslosigkeit als Gründungsmotiv nennen, geht sogar zurück. Stattdessen tritt ein vorsorgendes Verhalten in den Vordergrund: Erwerbstätige sichern sich zusätzliche Einkommensquellen, bevor Risiken eintreten. Selbstständigkeit wird damit in bestehende Beschäftigung integriert und verliert ihren Charakter als eigenständige Erwerbsform. Der Nebenerwerb etabliert sich als dominantes Modell einer hybridisierten Arbeitswelt, in der Risiko begrenzt, Kapitalbedarf niedrig und Markteintritt jederzeit reversibel bleibt.

Breite ohne Tiefe

Diese Struktur hat Konsequenzen für die wirtschaftliche Wirkung. Der hohe Anteil von Sologründungen und die geringe Zahl an Beschäftigten zeigen, dass die meisten neuen Aktivitäten klein bleiben. Sie tragen zur individuellen Einkommensstabilisierung bei, entfalten jedoch kaum Skaleneffekte, schaffen selten zusätzliche Arbeitsplätze und leisten nur begrenzte Beiträge zur Produktivitätsentwicklung. Der beobachtbare Gründungsboom verbreitert damit die Basis ökonomischer Aktivität, ohne sie zu vertiefen.

Offene Flanke Mittelstand

Parallel dazu bleibt ein zentrales strukturelles Problem ungelöst. Unternehmensübernahmen spielen weiterhin nur eine untergeordnete Rolle, obwohl im Mittelstand in den kommenden Jahren hunderttausende Betriebe zur Übergabe anstehen. Während also die Zahl neuer, kleinteiliger Gründungen steigt, fehlt es an Nachfolgern für bestehende, oft wirtschaftlich tragfähige Unternehmen. Die Verschiebung zugunsten des Nebenerwerbs verstärkt dieses Ungleichgewicht zusätzlich.

Systemische Verschiebung

In der Gesamtbetrachtung zeigt sich damit kein klassischer Gründungsaufschwung, sondern eine Anpassungsbewegung innerhalb des Erwerbssystems. Deutschland bekommt mehr Gründer, aber nicht mehr Unternehmen im strukturellen Sinne. Solange der Übergang vom Neben- in den Vollerwerb ausbleibt und die Nachfolgeproblematik ungelöst bleibt, droht eine Entwicklung, in der wirtschaftliche Aktivität zunimmt, die unternehmerische Substanz jedoch erodiert.




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