Gründungsboom mit Substanzproblem: Warum 70 Prozent Nebenerwerb ein Warnsignal sind
Der starke Anstieg der Gründungszahlen in Deutschland wirkt auf den ersten Blick wie ein überfälliges Signal wirtschaftlicher Belebung. Tatsächlich ist die Dynamik jedoch einseitig gelagert und verweist weniger auf wachsende unternehmerische Substanz als auf eine Verschiebung im Erwerbsverhalten. Im Jahr 2025 wurden rund 690.000 Gründungen registriert, nach 585.000 im Vorjahr, doch der Zuwachs speist sich nahezu vollständig aus dem Nebenerwerb, der mit 483.000 Fällen um 26 Prozent zulegt und inzwischen einen Anteil von 70 Prozent erreicht. Der Vollerwerb hingegen stagniert seit Jahren. Quelle ist die Vorabauswertung des KfW-Gründungsmonitors 2025.
Selbstständigkeit als Einkommensstrategie
Damit verändert sich die Qualität der Gründungstätigkeit grundlegend. Der Schritt in die Selbstständigkeit erfolgt immer seltener als bewusste unternehmerische Entscheidung und immer häufiger als funktionale Ergänzung bestehender Erwerbsstrukturen. Für viele Haushalte steht nicht der Aufbau eines tragfähigen Geschäftsmodells im Vordergrund, sondern die Stabilisierung des verfügbaren Einkommens. Steigende Lebenshaltungskosten und eine spürbar höhere Unsicherheit am Arbeitsmarkt wirken dabei als zentrale Einflussgrößen. Die Gründung wird zur pragmatischen Antwort auf ökonomischen Druck, nicht zur Umsetzung einer klar skalierten Marktchance.
Prävention statt Notgründung
Auffällig ist, dass dieser Wandel nicht primär aus akuter Not heraus entsteht. Der Anteil derjenigen, die Arbeitslosigkeit als Gründungsmotiv nennen, geht sogar zurück. Stattdessen tritt ein vorsorgendes Verhalten in den Vordergrund: Erwerbstätige sichern sich zusätzliche Einkommensquellen, bevor Risiken eintreten. Selbstständigkeit wird damit in bestehende Beschäftigung integriert und verliert ihren Charakter als eigenständige Erwerbsform. Der Nebenerwerb etabliert sich als dominantes Modell einer hybridisierten Arbeitswelt, in der Risiko begrenzt, Kapitalbedarf niedrig und Markteintritt jederzeit reversibel bleibt.
Breite ohne Tiefe
Diese Struktur hat Konsequenzen für die wirtschaftliche Wirkung. Der hohe Anteil von Sologründungen und die geringe Zahl an Beschäftigten zeigen, dass die meisten neuen Aktivitäten klein bleiben. Sie tragen zur individuellen Einkommensstabilisierung bei, entfalten jedoch kaum Skaleneffekte, schaffen selten zusätzliche Arbeitsplätze und leisten nur begrenzte Beiträge zur Produktivitätsentwicklung. Der beobachtbare Gründungsboom verbreitert damit die Basis ökonomischer Aktivität, ohne sie zu vertiefen.
Offene Flanke Mittelstand
Parallel dazu bleibt ein zentrales strukturelles Problem ungelöst. Unternehmensübernahmen spielen weiterhin nur eine untergeordnete Rolle, obwohl im Mittelstand in den kommenden Jahren hunderttausende Betriebe zur Übergabe anstehen. Während also die Zahl neuer, kleinteiliger Gründungen steigt, fehlt es an Nachfolgern für bestehende, oft wirtschaftlich tragfähige Unternehmen. Die Verschiebung zugunsten des Nebenerwerbs verstärkt dieses Ungleichgewicht zusätzlich.
Systemische Verschiebung
In der Gesamtbetrachtung zeigt sich damit kein klassischer Gründungsaufschwung, sondern eine Anpassungsbewegung innerhalb des Erwerbssystems. Deutschland bekommt mehr Gründer, aber nicht mehr Unternehmen im strukturellen Sinne. Solange der Übergang vom Neben- in den Vollerwerb ausbleibt und die Nachfolgeproblematik ungelöst bleibt, droht eine Entwicklung, in der wirtschaftliche Aktivität zunimmt, die unternehmerische Substanz jedoch erodiert.
Themen:
LESEN SIE AUCH
EZB-Umfrage: Ein kurzer Preisschub – und ein längerer Schatten auf dem Wachstum
Bundestariftreuegesetz seit 1. Mai in Kraft: Staatliche Nachfrage wird zur Lohnpolitik
0,5 Prozent Wachstum – wie externe Schocks eine strukturell geschwächte Wirtschaft treffen
Generation Gründung? Junge Angestellte neigen zur Selbständigkeit
Unsere Themen im Überblick
Themenwelt
Wirtschaft
Management
Recht
Finanzen
Assekuranz
Zwischen KI-Chatbot und Anwalt: Rechtsschutzversicherer gewinnen an Bedeutung
KI entscheidet im Wettbewerb: Kluft in der Schadenversicherung wächst
Altersvorsorge bleibt Stückwerk: Viele wollen mehr sparen – können es aber nicht
Geburtenrückgang verschärft das Systemproblem der Sozialsysteme
Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk
Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.














