Pflegebudget unter Druck – Eine empirische Zwischenbilanz

Veröffentlichung: 18.02.2026, 12:02 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

26,1 Milliarden Euro.
So hoch war das Pflegebudget der Krankenhäuser im Jahr 2024. Fünf Jahre zuvor lag es noch bei 19,4 Milliarden Euro. Eine Steigerung um 6,7 Milliarden Euro – bei gleichzeitig rückläufigen Fallzahlen.

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Eine Pflegekraft betreut eine ältere Patientin in einem modernen Krankenhauszimmer. Die Patientin liegt im Bett, während die Pflegekraft ihr eine Mahlzeit reicht. Im Hintergrund ist ein Monitor mit Vitalwerten sichtbar.Eine Pflegekraft betreut eine ältere Patientin in einem modernen Krankenhauszimmer. Die Patientin liegt im Bett, während die Pflegekraft ihr eine Mahlzeit reicht. Im Hintergrund ist ein Monitor mit Vitalwerten sichtbar.experten :Pflege im Krankenhaus: Das Pflegebudget finanziert seit 2020 die Personalkosten über eine Selbstkostendeckung.

Was als politische Antwort auf jahrelangen Spardruck in der Pflege gedacht war, hat die Finanzierungslogik der Krankenhäuser grundlegend verändert. Seit 2020 werden Pflegepersonalkosten nicht mehr über Fallpauschalen vergütet, sondern vollständig erstattet. Das Prinzip: Selbstkostendeckung statt Effizienzdruck.

Sechs Jahre nach Einführung erlaubt die Datenlage erstmals eine belastbare Zwischenbilanz. Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) hat die Entwicklung des Pflegebudgets, der Personalstrukturen und der Systemeffekte für die Jahre 2020 bis 2024 empirisch ausgewertet.

Die Ergebnisse zeigen: Das Pflegebudget wirkt – aber anders als erwartet.

Dynamik der Ausgaben – Beschleunigung ohne Steuerung

Seit 2020 ist das Pflegebudget kontinuierlich gewachsen. Die jährlichen Steigerungsraten lagen zunächst bei rund sechs Prozent, erhöhten sich jedoch 2023 auf 8,4 Prozent und 2024 auf 10,5 Prozent. Parallel dazu stiegen die GKV-Ausgaben für Pflegepersonalkosten im Krankenhaus von 15,2 Milliarden Euro im Jahr 2020 auf 22,9 Milliarden Euro im Jahr 2024.

Allein der Zuwachs im Jahr 2024 entsprach rund 0,13 Beitragssatzpunkten. Die Pflegeausgaben wachsen damit deutlich dynamischer als andere somatische Krankenhausausgaben – mit unmittelbarer Relevanz für die Stabilität der gesetzlichen Krankenversicherung.

Mehr Personal – bei weniger Leistung

Zwischen 2019 und 2024 stieg die Zahl der Vollkräfte im Pflegedienst um 18 Prozent. Im gleichen Zeitraum gingen die stationären Fallzahlen um 12 Prozent zurück, der Casemix sank um sieben Prozent.

Das bedeutet: Je erbrachter Leistung werden heute mehr Pflegekräfte eingesetzt als vor Einführung des Pflegebudgets. Der Pflegepersonalquotient ist entsprechend gesunken. Gleichzeitig zeigt sich bei der Einhaltung der Pflegepersonaluntergrenzen keine nachhaltige Verbesserung. Der Anteil der Schichten mit Unterschreitung lag 2024 weiterhin bei über 14 Prozent.

Verschiebungen im Qualifikationsmix

Der Personalaufbau erfolgte nicht gleichmäßig. Während die Zahl der Pflegefachkräfte zwischen 2019 und 2024 um zehn Prozent zunahm, stieg die Zahl der Pflegehilfskräfte und weiterer Berufsgruppen um 75 Prozent. Ihr Anteil am Pflegedienst erhöhte sich von 12 auf 17 Prozent.

Parallel dazu nahm die Leiharbeit in der Pflege zu. Der Anteil externer Pflegekräfte liegt inzwischen bei 3,7 Prozent – mit deutlichen regionalen Unterschieden.

Sektorale Schieflage

Besonders auffällig ist die Entwicklung im Vergleich zur Langzeitpflege. Während das Pflegepersonal im Krankenhaus zwischen 2019 und 2023 um 13,3 Prozent wuchs, betrug der Zuwachs in Pflegeheimen lediglich 3,3 Prozent, in der ambulanten Pflege 8,2 Prozent.

Bei den Fachkräften zeigt sich eine noch stärkere Divergenz: Plus 6,7 Prozent im Krankenhaus, Rückgang in der stationären Pflege. Vor dem Hintergrund des demografischen Wandels entsteht eine strukturelle Unwucht zwischen den Versorgungssektoren.

Systemische Nebenwirkungen

Die Parallelität von Pflegebudget und DRG-System hat die Budgetverhandlungen deutlich verkompliziert. Noch im Oktober 2025 lagen für 14 Prozent der Krankenhäuser keine Budgetvereinbarungen für das Jahr 2023 vor. Zudem waren wiederholt Korrekturen notwendig, um Doppelfinanzierungen zu vermeiden.

Die Selbstkostendeckung hat kurzfristig den Personalaufbau ermöglicht. Langfristig verschärft sie jedoch Zielkonflikte zwischen Kostendynamik, Produktivität und sektoraler Balance.

Quelle:
Wissenschaftliches Institut der AOK (WIdO): „Das Pflegebudget – eine empirische Zwischenbilanz“, WIdO ePaper 6 (2026).
https://www.wido.de/publikationen-produkte/publikationen/wido-epaper/details/das-pflegebudget-eine-zwischenbilanz/

FAQ zum Pflegebudget

1. Warum wurde das Pflegebudget eingeführt?

Das Pflegebudget wurde 2020 eingeführt, um Einsparanreize zulasten der Pflege im DRG-System zu beenden. Pflegepersonalkosten werden seitdem vollständig und krankenhausindividuell refinanziert.

2. Hat das Pflegebudget zu mehr Pflegepersonal geführt?

Ja. Zwischen 2019 und 2024 stieg die Zahl der Vollkräfte im Pflegedienst um 18 Prozent. Allerdings wuchs insbesondere der Anteil von Pflegehilfskräften deutlich stärker als der von Fachkräften.

3. Haben sich die Pflegebedingungen dadurch messbar verbessert?

Eine eindeutige Verbesserung lässt sich anhand der verfügbaren Strukturindikatoren nicht feststellen. Die Einhaltung der Pflegepersonaluntergrenzen hat sich nicht nachhaltig verbessert.

4. Warum steht das Pflegebudget politisch in der Kritik?

Die starke Ausgabendynamik belastet die GKV-Finanzen. Zudem zeigen sich strukturelle Nebenwirkungen wie komplexere Budgetverhandlungen, Abgrenzungsprobleme zum DRG-System und eine zunehmende Verschiebung von Pflegepersonal zwischen den Sektoren.

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