Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes Dr. Carola ReimannVorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbandes Dr. Carola ReimannOlaf Kosinsky, CC BY-SA 3.0 DE

Primärversorgung: AOK fordert gesetzgeberischen Start spätestens im Sommer

Veröffentlichung: 27.01.2026, 18:01 Uhr - Lesezeit 4 Minuten

Der AOK-Bundesverband drängt auf Tempo bei der Reform der Primärversorgung. Anlässlich des Auftaktgesprächs mit Bundesgesundheitsministerin Nina Warken forderte Vorstandsvorsitzende Dr. Carola Reimann einen gesetzgeberischen Beginn spätestens nach der Sommerpause. Die Reform müsse noch in dieser Legislaturperiode umgesetzt werden – nicht zuletzt, weil zentrale Konzepte seit Monaten vorliegen.

(PDF)

Strukturdefizite in der ambulanten Versorgung

Der Reformbedarf ergibt sich aus bekannten strukturellen Engpässen: langen Wartezeiten, unklaren Zuständigkeiten, ineffizientem Ressourceneinsatz. Das geplante Primärversorgungssystem zielt auf eine bessere Steuerung der Patient:innen durch standardisierte Ersteinschätzungen und interdisziplinäre Teams in der hausärztlichen Grundversorgung. Die AOK-Gemeinschaft legt ein eigenes Positionspapier vor, das zentrale Steuerungsinstrumente benennt.

Verbindliche Ersteinschätzung, klarer Zugang

Kernforderung ist eine verbindliche, standardisierte Ersteinschätzung. Diese soll vor Inanspruchnahme ärztlicher Leistungen greifen – entweder in Primärversorgungspraxen oder über die bundeseinheitliche Nummer 116 117. Nur bei definierter Dringlichkeit erfolgt die Weiterleitung in die fachärztliche Versorgung. Leistungen außerhalb dieses geregelten Zugangs sollen grundsätzlich nicht mehr über die GKV abrechenbar sein – mit klar definierten Ausnahmen (z. B. Gynäkologie, Pädiatrie, Vorsorge).

Reduktion von Fehlanreizen, neue Pflichten

Zur Reduktion ineffizienter Inanspruchnahme schlägt der AOK-Bundesverband vor, IGeL-Leistungen zeitlich auf gesonderte Sprechstunden zu begrenzen. Gleichzeitig sollen fachärztliche Versorgungsaufträge überarbeitet werden – unter anderem durch verbindliche Anteile konservativer Leistungen. Um Terminengpässe zu entschärfen, sollen Facharztpraxen freie Termine verpflichtend an zentrale Vermittlungsportale melden.

Bonusmodelle und Wahltarife als falsche Spur

Instrumente wie Einschreibemodelle, Zuzahlungen oder Wahltarife lehnt der Verband ausdrücklich ab. Begründung: geringe Steuerungswirkung, hohe Bürokratielast, soziale Verzerrung. Entscheidend sei eine strukturelle Neuausrichtung der Regelversorgung – nicht kleinteilige Anreizsysteme.

G-BA soll Standards mit regionalem Spielraum definieren

Der Gemeinsame Bundesausschuss soll laut AOK bundesweite Mindeststandards für die Primärversorgung festlegen. Diese müssen sowohl klare Rahmenbedingungen schaffen als auch regionalen Versorgungsunterschieden Rechnung tragen – etwa zwischen urbanen Zentren und ländlichen Regionen.

Strukturelle Weichenstellung – nicht länger nur Diskussion

Die Forderungen des AOK-Bundesverbands markieren einen strategischen Richtungsentscheid: weg von punktuellen Modellvorhaben, hin zu einer verbindlichen Regelversorgung mit klaren Zugangs- und Steuerungspflichten. Der Zeitrahmen ist eng – der Handlungsdruck hoch. Die entscheidende Frage ist nicht mehr das „ob“, sondern das „wie schnell“.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Nina-Warken-Pressefoto-c-2021-Tobias-KochNina-Warken-Pressefoto-c-2021-Tobias-Koch
Gesundheitsvorsorge

Gesundheitsministerin ohne Schonfrist: System unter Reformdruck

Mit Nina Warken übernimmt eine gesundheitspolitisch unerfahrene Ministerin ein System am Limit. Krankenkassen schlagen Alarm – und verlangen Sofortmaßnahmen. Klar ist aber auch: Ohne eine grundlegende Reform der dualen Versicherungsstruktur lässt sich die finanzielle Schieflage des Gesundheitswesens nicht auflösen.
Laut aktuellen Berichten haben die Kassen 2024 ein Defizit von über sechs Milliarden Euro verzeichnet – mehr als zuvor prognostiziert.Laut aktuellen Berichten haben die Kassen 2024 ein Defizit von über sechs Milliarden Euro verzeichnet – mehr als zuvor prognostiziert.schlappohr / pixabay
Gesundheitsvorsorge

Gesetzliche Krankenversicherung: Defizit höher als angenommen

Die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) steht vor großen Herausforderungen. Laut aktuellen Berichten haben die Kassen 2024 ein Defizit von über sechs Milliarden Euro verzeichnet – mehr als zuvor prognostiziert. Welche Weichenstellungen der GKV-Spitzenverband für die nächste Legislaturperiode fordert.
Bundesgesundheitsministerin Nina WarkenBundesgesundheitsministerin Nina WarkenBMG/Jan Pauls
Gesundheitsvorsorge

Gesundheitsreform 2026: Wenn Solidarität zur Zahlungsfrage wird

Die GKV-Reform spart Milliarden, verschiebt aber Lasten und verändert die Struktur der Krankenversicherung.
Dr. Andreas Gassen, Vorsitzender des KBV-VorstandsDr. Andreas Gassen, Vorsitzender des KBV-VorstandsKBV
Gesundheitsvorsorge

Gesetzliche Krankenversicherung unter Spardruck: KBV fordert Streichung freiwilliger Kassenleistungen

Angespannte Finanzen in der GKV: KBV-Chef Andreas Gassen fordert die Abschaffung freiwilliger Satzungsleistungen. Die Debatte berührt das finanzielle Gleichgewicht und das Solidarprinzip der gesetzlichen Krankenversicherung.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht