Wut in der Wirtschaft gegen Merz-Regierung – BDI-Chef warnt vor Systemkrise
BDI-Chef Leibinger warnt vor dem Verlust des industriellen Kerns – und einer aggressiven Stimmungslage in der Wirtschaft
„Wir stecken in der schwersten Wirtschaftskrise seit Gründung der Bundesrepublik“,
sagt Peter Leibinger, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), im Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Die wirtschaftliche Lage sei kritisch, doch die Stimmung unter Unternehmern sei inzwischen
„extrem negativ, teils regelrecht aggressiv“.
Für einen Verbandschef, der für leise Töne und sachliche Kommunikation bekannt ist, ist das ein bemerkenswert scharfes Statement. Es ist ein Alarmruf – nicht über Zahlen allein, sondern über die politische Mechanik, die dahintersteht.
Enttäuschung nach dem Aufbruch – und das Wiederauftreten alter Schwächen
Im Mai übernahm die schwarz-rote Koalition unter Bundeskanzler Friedrich Merz die Regierungsgeschäfte. Die wirtschaftliche Lage war angespannt, aber die Stimmung zum Start hoffnungsvoll. Acht Monate später ist das Bild ein anderes: Die Rezession hält an, die Industrieproduktion ist rückläufig, die Produktivität stagniert. Deutschland liegt beim Wachstum im G7-Vergleich auf dem letzten Platz.
Die Kritik des BDI-Chefs richtet sich nicht an die Konjunktur, sondern an die strukturelle Trägheit. Das ausbleibende Reformtempo, so Leibinger, gefährde nicht nur wirtschaftliche Perspektiven, sondern das gesamte deutsche Gesellschaftsmodell. Die Politik verspiele Vertrauen – nicht durch das Fehlen einer Lösung, sondern durch das Fehlen eines Zeichens.
Geschwindigkeit als Systemfrage – nicht als Stilmittel
Die zentrale Diagnose lautet: Deutschland ist zu langsam. Langsam in Genehmigungsverfahren, langsam in Entscheidungsprozessen, langsam in der Umsetzung. Bürokratie, geringe Arbeitszeiten, mangelnde Flexibilität – all das summiert sich zu einem Standortnachteil, der tiefer reicht als einzelne Verordnungen. Während chinesische Unternehmen Tempo und Effizienz mit staatlicher Koordination verbinden und dabei deutsche Geschäftsmodelle kopieren, gerät der industrielle Kern – Autoindustrie, Maschinenbau, Chemie – unter Druck.
Leibinger warnt: Zölle und Marktabschottung könne man technisch handhaben. Doch der eigentliche Gegner sei die eigene Langsamkeit. Reformen seien notwendig, das wisse auch die Wirtschaft. Doch Politik brauche Symbole, die Richtung zeigen.
„Dass man zum Beispiel Vorschriften einfach mal aussetzt“, so Leibinger – nicht als Dauermaßnahme, sondern als Signal. „Wir haben verstanden“ – das sei die Botschaft, die fehle.
Polarisierung als wirtschaftliches Risiko
Die Systemkrise zeigt sich auch in der politischen Reaktion. Leibinger spricht sich in aller Klarheit gegen Annäherungen an rechtspopulistische Parteien aus. Der BDI distanziert sich deutlich vom Familienunternehmerverband, der zuletzt Nähe zur AfD suchte.
„Parteien, deren Grundprinzip die Polarisierung der Gesellschaft ist, rütteln an den Grundfesten unseres Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells.“
Für ihn persönlich, so Leibinger, seien Rassismus und Antisemitismus „völlig inakzeptabel“.
Die politische Mitte stehe unter Druck, weil sie Orientierung und Richtung vermissen lasse. Wo die Politik das Vakuum nicht fülle, drohen radikale Kräfte es zu besetzen. Auch das ist eine Folge struktureller Langsamkeit.
Systemischer Vertrauensverlust
Was bleibt, ist ein schleichender Verlust: an Vertrauen, an Richtung, an Zukunftssicherheit. Der Aufruf aus der Wirtschaft ist keine Kapitulation – aber ein Hinweis auf die Erosion eines Modells. Wirtschaftlicher Erfolg, so zeigt sich, hängt nicht nur von Daten, Märkten und Maschinen ab – sondern vom Gefühl, dass Entscheidungen möglich sind und Ziele erkennbar bleiben.
Die Reformagenda ist lang. Doch was jetzt fehlt, ist nicht nur Umsetzung, sondern Haltung: Mut zur Richtung statt Angst vor dem Einzelfall.
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