Assekurata Marktausblick PKV 2017
Das Geschäftsjahr 2016 war für die meisten privaten Krankenversicherer (PKV) in Summe besser als das Vorjahr. Das Kapitalanlageergebnis stieg um rund 600 Mio. Euro auf knapp 9,4 Mrd. Euro. Assekruata schätzt, dass sich die Gewinnsituation auch 2017 weiter verbessern wird, da aufgrund der zu Jahresbeginn durchgeführten Beitragsanpassungen mit höheren, versicherungsgeschäftlichen Ergebnissen zu rechnen ist. Im Marktausblick zur Versicherungswirtschaft 2017/2018 zeichnet die Rating-Agentur ein aktuelles Bild über die Situation und Stimmung.
In der Ergänzungsversicherung konnte die PKV auch im abgelaufenen Geschäftsjahr eine positive Entwicklung verzeichnen. Die Zahl der Zusatzversicherungsverträge erhöhte sich allerdings nur um 1,3 Prozent sodass die Zuwachsrate geringer ausfiel als in 2015 (1,75 Prozent).
Die Pflegeergänzungs- und die Zahnzusatzversicherung sind und bleiben der Wachstumstreiber in diesem Geschäftsfeld. Die von einigen Marktteilnehmern zum Hoffnungsträger auserkorene betriebliche Krankenversicherung (bkV) wartet noch auf den ihren Durchbruch im Vertrieb. Nach Angaben des PKV-Verbandes stieg die Zahl der versicherten Personen in diesem Geschäftsfeld im Jahr 2016 um 31.800 auf 606.800 Personen.
In der Vollversicherung konnten die PKV-Unternehmen 2016 marktweit den Bestandsabrieb mit netto 14.600 Personen im Vergleich zu den Vorjahren deutlich reduzieren. Mit einem Rückgang um 0,2 Prozent hat die Branche ein durchaus zufriedenstellendes Jahr hinter sich. Ursächlich hierfür ist der verbesserte Saldo zwischen Wechslern aus der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die PKV und umgekehrt.
Hatten 2015 die Abgänge zur GKV die Zugänge noch um 19.500 Personen übertroffen, ist der Saldo 2016 mit -1.100 nahezu ausgeglichen. Dies ist insofern bemerkenswert, als der PKV-Verband bereits Ende September und damit genau zum Jahresendgeschäft prognostiziert hatte, dass auf rund zwei Drittel der Privatversicherten spürbare Beitragsanpassungen im zweistelligen Bereich zukommen würden.
Im Jahr 2017 verzeichnet der Durchschnitt der von Assekurata gerateten privaten Krankenversicherern (Assekurata-Durchschnitt), der nach Beiträgen rund 60 Prozent des Marktes umfasst, über den Gesamtbestand der Vollversicherung eine Beitragssteigerung von 4,8 Prozent. Im Beihilfebestand liegt der Wert, da es sich um eine Restkostenversicherung handelt, mit 3,0 Prozent naturgemäß deutlich darunter, während der Durchschnittswert im sogenannten Normalgeschäft, also dem Bestand der Nicht-Beihilfe-Tarife, mit 5,4 Prozent etwas höher ausfällt.
Gerhard Reichl, Fachkoordinator Krankenversicherung und Autor der Untersuchung, erklärt:
„In den von einer Anpassung betroffenen Tarifen dürfte es für die Versicherten speziell in den Nicht-Beihilfetarifen allerdings zu spürbar höheren Beitragssteigerungen gekommen sein als die von Verbandsseite durchschnittlich ermittelten 11-12 Prozent. In der Spitze ist ein Plus von 20-40 Prozent durchaus realistisch, je nachdem wie lange die letzte Anpassung des jeweiligen Tarifs zurückliegt.“
Im Zehnjahresvergleich (2007-2017) haben sich im Assekurata-Durchschnitt die Bestandsbeiträge im Normalgeschäft um rund 53 Prozent erhöht, das entspricht einer jährlichen Anpassungsrate von 4,2 Prozent. Das beitragsstabilste Unternehmen kommt auf einen Wert von 32 Prozent beziehungsweise 2,9 Prozent pro Jahr.
Zum Vergleich: Der GKV-Höchstbeitrag (inklusive Zusatzbeitrag) ist in den vergangenen zehn Jahren zwar „nur“ um knapp 30 Prozent beziehungsweise 2,8 Prozent pro Jahr gestiegen, absolut gesehen liegt die GKV mit einem Beitragsanstieg von insgesamt 156 Euro jedoch rund 17 Euro über dem Assekurata-Durchschnitt.
Gerhard Reichl betont:
„Bei einem Vergleich zwischen GKV und PKV, die an dieser Stelle primär eine Positivauswahl darstellt, gilt es zudem das lebenslange, garantierte Leistungsversprechen und den im Regelfall höheren Leistungsumfang der PKV zu berücksichtigen.“
Die positive Entwicklung der Beitragsanpassungssätze in den Jahren 2013 bis einschließlich 2016 spiegelt sich auch im Stimmungsbild bei den Assekurata-Kundenbefragungen wieder. So hat sich die Zufriedenheit der vollversicherten Kunden mit der Beitragsentwicklung sichtlich verbessert. Hatten sich 2013 nur knapp zwei Drittel (63,8 Prozent) der Vollversicherten zufrieden bis vollkommen zufrieden geäußert, lag der Wert 2016 immerhin bei fast drei Viertel (71,2 Prozent).
Reichl hebt hervor:
„Auch wenn die Zufriedenheit mit der Beitragsentwicklung aus unserer Sicht noch verbesserungswürdig ist – dies betrifft insbesondere die Nicht-Beihilfeversicherten in der Altersklasse 50 bis 69 – zeigen die Analysen im Ergebnis dennoch eine konstant hohe Kundenzufriedenheit. So waren zuletzt 96,0 Prozent der Vollversicherten alles in allem betrachtet mit ihrem privaten Krankenversicherer zufrieden, sehr oder gar vollkommen zufrieden. 2013 hatte der Wert 95,3 Prozent betragen.“
Die Zinsentwicklung und die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) schlagen endgültig auch auf die Kunden der privaten Krankenversicherung durch, was sich in den kommenden Jahren negativ auf das Zufriedenheitsniveau der Kunden auswirken könnte. Für die Branche wird es immer herausfordernder, in der Neuanlage selbst den seit Unisex abgesenkten und üblichen Kalkulationszinssatz von 2,75 Prozent zu erzielen. Besonders deutlich zeigt sich dies am Rückgang der laufenden Durchschnittsverzinsung, die 2016 mit voraussichtlich rund 3,5 Prozent ihren historischen Tiefstand erreicht haben dürfte.
Gerhard Reichl warnt:
„Auch der aktuarielle Unternehmenszins (AUZ) fällt weiter und rutscht 2017 im Assekurata-Durchschnitt bereits auf 2,8 Prozent ab, sodass branchenweit bei gleichbleibender Entwicklung kurzfristig ebenfalls der Rechnungszins der Unisex-Tarife abgesenkt werden müsste. Einige Unternehmen haben diesen Schritt bereits vollzogen. Im Assekurata-Durchschnitt liegt der Rechnungszins im Bestand aktuell noch bei 3,07 Prozent sodass sich für die kommende Beitragsanpassungsrunde 2018 im Mittel ein Absenkungsbedarf von rund 30 Basispunkten ergibt.“
Im Sinne einer Verstetigung der Beitragsentwicklung plädiert die Branche für eine Reform der Anpassungsmodalitäten. Hohe prozentuale Beitragssteigerungen führen oft zu Verständnisproblemen beziehungsweise Beschwerden.
Reichl konstatiert:
„Neben der flexibleren Prämienanpassung durch die Aufnahme des Rechnungszinses als auslösenden Faktor gehören die Öffnung beziehungsweise Weiterführung des Standardtarifs für Versicherte ab 2009 und die Reform der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) zu den drängendsten Themen für die Branche.“
Ähnlich wie bei der Novellierung der Gebührenordnung für Zahnärzte (GOZ) im Jahr 2012 dürften aber auch mit einer neuen GOÄ mehr oder weniger starke Beitragserhöhungen für die Privatversicherten verbunden sein, wobei sich die Preiserhöhungen für ärztliche Behandlungen laut dem Vorsitzenden des PKV-Verbands Uwe Laue mit weniger als 6 Prozent im Rahmen halten sollen.
Nachhaltige Ruhe an der Beitragsfront ist damit nicht in Sicht, schon allein aufgrund der anhaltenden Niedrigzinsphase, die auch in den kommenden Jahren durch die weitere Absenkung des Rechnungszinses für Beitragsanpassungen sorgen dürfte. Die Fähigkeit, erhöhte Beitragsanpassungen durch vorhandene Finanzpolster abfedern zu können, ist ein Qualitätskriterium, welches den Markt vergleichsweise stark spreizt.
Gerhard Reichl betont:
„Die Krankenversicherer sind angehalten, die größtenteils üppige Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB) dazu zu nutzen, die notwendigen Beitragsanpassungen im Kunden- aber auch im Unternehmensinteresse abzumildern.“
Bilder: (1) © alphaspirit / fotolia.com (2 & 3) © ASSEKURATA Assekuranz Rating-Agentur
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