Deutschland hat keinen Grund zur Selbstzufriedenheit
Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft ist so optimistisch wie schon lange nicht mehr: Konsumentenvertrauen, Einkaufsmanagerindizes, Ifo- und ZEW-Konjunkturindizes befinden sich beständig in einem Hoch. Analysten sprechen sogar von einem deutlichen Wachstum. Bis zu 2 Prozent BIP-Zuwachs im laufenden Jahr halten manche inzwischen für möglich. Doch eines passt nicht so recht ins Bild: Als die Einkaufsmanagerindizes vor sechs Jahren das letzte Mal in die Nähe der 60-Punkte-Marke kamen, verzeichnete Deutschland ein gesamtwirtschaftliches Wachstum von mehr als 3 Prozent - heute wird das nicht erwähnt.
Fakt ist: Deutschlands Wirtschaft befindet sich in einem soliden Aufschwung. Begünstigt wird dies durch ein freundliches weltwirtschaftliches Umfeld, einen weiterhin relativ günstigen Euro-Wechselkurs und die deutlich verbesserte Lage im Euroraum. Diese Faktoren wirken sich positiv auf die Exporte aus, von denen die deutsche Wirtschaft noch immer in besonderem Maße lebt.
Deutsche Wirtschaft: Profit durch Sonderfaktoren
Der Außenhandel ist aber, und auch das ist positiv zu vermerken, nicht mehr das alleinige Standbein der deutschen Wirtschaft. Als zweite Säule ist der private Verbrauch hinzugekommen. Zwischen 2001 und 2008 trug der private Konsum 0,3 Prozentpunkte jährlich zum Wirtschaftswachstum bei, der Außenhandel dagegen mit 0,9 Prozentpunkten dreimal so viel.
Seit 2011 hat sich dieses Verhältnis praktisch umgedreht: Der Beitrag des privaten Konsums erhöhte sich auf knapp 0,8 Prozentpunkte, der Beitrag des Außenhandels war mit 0,35 Prozentpunkten jährlich deutlich geringer. Maßgeblich für die stärkere Rolle der Binnennachfrage war und ist die positive Beschäftigungsentwicklung, mit der sich Deutschland seit Jahren insbesondere von seinen europäischen Nachbarn positiv abhebt. Die Dividende der vor mehr als zehn Jahren ins Werk gesetzten Arbeitsmarktreformen wird allerdings nicht auf ewig unvermindert weitersprudeln.
In jüngerer Vergangenheit löste zudem der Flüchtlingszustrom eine stärkere private Konsumnachfrage aus. Dieser Sonderfaktor lässt nun nach, wie sich am vergleichsweise geringen Zuwachs des privaten Konsums in den vergangenen beiden Quartalen bereits deutlich zeigt. Tatsächlich liegt hier eine der Erklärungen dafür, dass die Wachstumsprognosen für das Jahr 2017 eben nicht bei drei, sondern bestenfalls bei zwei Prozent liegen. Mit dieser Wachstumsdynamik steht Deutschland nicht schlecht da, aber auch nicht besser als etwa die Vereinigten Staaten von Amerika oder Großbritannien, das selbst nach einer möglichen Konjunkturabkühlung infolge des Brexit-Votums noch in die Nähe der deutschen Wachstumsrate kommen dürfte.
Schwache Inlandsnachfrage wird zum Problem
Der konjunkturelle Rückenwind sollte deshalb nicht Anlass zur Selbstzufriedenheit sein. Vielmehr ist jetzt die Zeit, darüber nachzudenken, wie die gute Beschäftigungslage dauerhaft gesichert werden kann. Ein Ansatz wäre es, die Binnennachfrage in Deutschland zu stärken und den Dienstleistungssektor weiter auszubauen. Dies würde auch dazu beitragen, den hohen deutschen Leistungsbilanzüberschuss zumindest teilweise abzubauen.
In den USA trug der private Konsum in den vergangenen Jahren 1,6 Prozentpunkte pro Jahr zum Wachstum bei – doppelt so viel wie in Deutschland. Spürbare Steuersenkungen, die den Bürgern einen größeren Anteil ihrer Einkommen zur eigenen Verwendung überlassen, würden den privaten Konsum auch hierzulande anregen und wären für den Staat, der ja seinerseits immer neue Einnahmerekorde verzeichnet, ohne weiteres verkraftbar.
Deutschland muss mehr investieren
In guten Zeiten sollte der Staat investieren, um damit die Attraktivität des Standortes für die Zukunft zu sichern. Die Infrastruktur muss vielerorts dringend überholt werden und das Breitbandkabelnetz genügt längst nicht den höchsten Ansprüchen. Ein leichterer Marktzugang im Dienstleistungssektor und der Abbau von Regulierungen, die vor allem dazu dienen, (ausländische) Wettbewerber fernzuhalten, wären weitere Maßnahmen um Wachstumsimpulse zu generieren.
Weil also auch in Deutschland manches verbessert werden könnte, gibt es allen Grund, sich mit den europäischen Partnern offen darüber zu verständigen, was man möglicherweise gemeinsam in Angriff nehmen könnte. Unterbleibt diese ergebnisoffene Diskussion, könnte sich schnell herausstellen, dass die guten Stimmungswerte mehr Schein als Sein reflektieren und die reale Wirtschaftsentwicklung nicht folgt. Das langfristige Wachstumspotenzial für Deutschland liegt unter den gegebenen Umständen jedenfalls näher an einem Prozent als an den zwei Prozent, die wir in diesem Jahr vielleicht doch noch einmal erreichen.
Autor: Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI Gruppe
Bild: © denisismagilov / fotolia.com
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