Physische KI-Agenten: Die nächste Automatisierungswelle – und welche Unternehmen Anleger jetzt im Blick haben sollten

Veröffentlichung: 27.08.2025, 09:08 Uhr - Lesezeit 8 Minuten

Der Markt für physische KI-Agenten befindet sich in einer Beschleunigungsphase – „vergleichbar mit der Mobilisierung der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert“. Unternehmen wie NVIDIA, Tesla oder Figure wollen Standards setzen, während Investoren auf den nächsten Technologiesprung spekulieren. Doch wer wird den Markt prägen – und welche Risiken gilt es zu beachten? Diesen Fragen geht Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager DNB Asset Management, im Gast-Kommentar nach.

(PDF)
Audun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager DNB Asset ManagementAudun Wickstrand-Iversen, Portfoliomanager DNB Asset ManagementDNB

Das Ökosystem physischer KI-Agenten ist keine ferne Vision mehr, sondern ein entstehender Wachstumsmarkt mit klar identifizierbaren Playern, technologischen Differenzierungen und potenziellen Marktanteilen. Für Anleger ist entscheidend, dass sich die Branche in einer Beschleunigungsphase befindet – vergleichbar mit der Mobilisierung der Dampfmaschine im 19. Jahrhundert – und die heutige „Mobilisierung“ besteht darin, dass Sprachmodelle und KI-Software in humanoide Plattformen integriert werden, die physisch in der Welt agieren.

An der Spitze des Ökosystems steht NVIDIA. Mit der Jetson-Plattform für Edge-Computing und der Simulationsumgebung Isaac Sim besetzt der Konzern eine Schlüsselposition: Er liefert die Entwicklungs- und Trainingsumgebung, auf der viele andere Robotik-Player aufbauen. Der Vorteil für Investoren: Wer den Standard im Simulationsbereich setzt, bindet Hardwarehersteller, Softwareanbieter und Integratoren langfristig an seine Plattform. Mit steigenden Stückzahlen bei autonomen Systemen könnten Lizenz- und Serviceumsätze zur margenstärksten Komponente werden.

Tesla verfolgt eine Doppelstrategie. Zum einen nutzt der Konzern seine Erfahrung aus dem autonomen Fahren, um den humanoiden Roboter Optimus zu entwickeln. Zum anderen setzt Tesla diese Technologie zunächst in den eigenen Fabriken ein – ein strategischer Schritt, um Daten zu sammeln und Systeme unter realen Bedingungen zu testen. Gelingt es, die Technik auszurollen, dürfte Tesla nicht nur im Fahrzeugmarkt, sondern auch in der industriellen Automatisierung einen Fuß in der Tür haben.

Amazon ist längst nicht mehr nur E-Commerce- und Cloud-Gigant. Mit Lagerrobotern, autonomen Förderfahrzeugen und Drohnen in der Pilotphase hat der Konzern eine vertikal integrierte Lieferkette aufgebaut, in der physische und digitale Agenten nahtlos zusammenarbeiten. Die jüngste Ausweitung von Prime-Same-Day-Lieferungen auf über 4.000 kleinere Städte und Gemeinden zeigt, wie effizient dieses System bereits arbeitet – und wie schwer es für Wettbewerber sein wird, den Vorsprung einzuholen.

Einen anderen Ansatz verfolgt Figure, ein US-Startup, das universell einsetzbare humanoide Roboter entwickelt. Die neueste Generation Figure 02 kombiniert eigens entwickelte Hardware mit Sprachmodellen und Computer Vision. Ziel ist eine Plattform, die nicht nur für eine spezialisierte Aufgabe, sondern für ein breites Spektrum an Tätigkeiten trainiert werden kann. Mit Microsoft und Jeff Bezos als Investoren ist sowohl Kapital als auch Marktzugang gesichert. Gelingt der Produktivitätsnachweis, könnten die Markteintrittsbarrieren für Wettbewerber enorm sein.

Europa setzt auf Neura und 1X. Neura entwickelt mit MAiRA einen modularen, kollaborativen Roboter, der sich an den Bedürfnissen europäischer Industriekunden orientiert. Die offene Architektur zielt auf Sicherheit, Interoperabilität und technologische Souveränität – Argumente, die im geopolitischen Wettbewerb um kritische Technologie immer wichtiger werden. 1X hingegen plant den Eintritt in den Massenmarkt: Nach einer 100-Millionen-Dollar-Serie-B-Finanzierung mit Investoren wie OpenAI und EQT Ventures will das Unternehmen humanoide Roboter zum Preis eines Mittelklassewagens anbieten. Die vertikale Integration von Hardware, Software und Trainingsdaten könnte hier entscheidend für die Kostenstruktur werden.

Aus China drängt Unitree in den Markt und setzt dabei auf eine aggressive Preisstrategie. Die Modelle H1 und G1 sind mit Preisen ab 16.000 US-Dollar deutlich günstiger als westliche Konkurrenzprodukte, bieten aber beeindruckende technische Spezifikationen wie 3,3 m/s Laufgeschwindigkeit und 360-Grad-LiDAR. Ob diese Plattformen jedoch produktive Anwendungen jenseits von Demonstrationen finden, bleibt abzuwarten. Für den globalen Wettbewerb setzen sie jedenfalls ein klares Preissignal.

Boston Dynamics, lange als technologische Ikone der Robotik bekannt, bewegt sich von der reinen Forschung hin zu kommerziell einsetzbaren Systemen. Produkte wie der vierbeinige Spot oder der zweibeinige Atlas sind in Nischen wie Inspektion, Sicherheit und Spezialindustrie bereits im Einsatz. Die Herausforderung: hohe Produktionskosten und begrenzte Stückzahlen. Für Investoren ist Boston Dynamics weniger ein Volumenwachstumstitel, sondern eine Wette auf profitable Nischenmärkte mit technologischen Eintrittsbarrieren.

Abseits der reinen Herstellerperspektive bleibt SoftBank ein relevanter Akteur. Der japanische Technologiekonzern ist nicht nur mit eigenen Robotikprodukten wie Pepper und Whiz aktiv, sondern auch als Investor in Schlüsselunternehmen der Branche. Damit profitiert SoftBank potenziell gleich mehrfach von einem Markthochlauf – sowohl operativ als auch über Beteiligungserträge.

Für Anleger liegt die strategische Herausforderung darin, zwischen Plattform- und Nischenanbietern zu unterscheiden. Akteure wie NVIDIA, Tesla oder Figure könnten im Erfolgsfall skalierbare Software- und Serviceerlöse erzielen, ähnlich wie Smartphone-Ökosysteme. Nischenanbieter wie Boston Dynamics oder spezialisierte Humanoidenhersteller könnten dagegen stabile Margen in klar umrissenen Einsatzfeldern sichern. Wer früh auf die richtigen Pferde setzt, partizipiert an einem Markt, der laut den Prognosen in den kommenden Jahren zweistellig wachsen dürfte – und das in einer Phase, in der die Weichen für die industrielle Nutzung dieser Technologie gerade erst gestellt werden.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Financial data analysis conceptFinancial data analysis concept
Finanzen

Anlagetrend: wie Fondsmanager und Privatanleger im April investieren

Magnificent Seven – Apple, Amazon, Alphabet, Meta, Tesla, Nvidia und Microsoft – stehen hoch im Kurs. 52 Prozent der US-Fondsmanager sind hierin investiert. Zwei Monate zuvor, im Februar, lag der Anteil allerdings noch bei 61 Prozent.
Abstract forex backdrop with globeAbstract forex backdrop with globe
Finanzen

Neuer Xtrackers-ETF macht MSCI-Welt-Index ohne USA für europäische Anleger investierbar

Mit einem Xtrackers-ETF bietet die DWS Anlegern die Möglichkeit, in den MSCI-Welt-Index zu investieren und dabei bewusst den US-amerikanischen Aktienmarkt auszuklammern.
Virtual reality and artificial intelligence conceptVirtual reality and artificial intelligence conceptSergey Nivens – stock.adobe.com
Finanzen

Ein neues „Wettrüsten“ hat im Technologiesektor begonnen

Die bekannten Technologieriesen haben so große Fortschritte bei der Entwicklung der grundlegenden KI-Modelle gemacht, dass diese derzeit im Begriff sind, die Marktlandschaft zu verändern. Wie Google, Meta und Co. sich für die nächste Phase aufstellen.
Dina Ting, Leiterin des Global Index Portfolio Management bei Franklin TempletonDina Ting, Leiterin des Global Index Portfolio Management bei Franklin TempletonFranklin Templeton
Kommentar

Warum Anleger auf US Mid-Cap-Aktien setzen sollten

Warum das oft übersehene Mid-Cap-Segment in den USA gerade jetzt spannende Chancen bietet – und welche politischen und technologischen Trends dabei eine Schlüsselrolle spielen könnten, schildert Dina Ting, Leiterin des Global Index Portfolio Management bei Franklin Templeton, in ihrem Marktkommentar.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht