Deutsche Wirtschaft: Zwischen Hoffnung und Skepsis

Veröffentlichung: 13.12.2023, 10:12 Uhr - Lesezeit 5 Minuten

Die große Sorge vor einer Energienotlag ist jetzt, am Ende des Jahres 2023 und mit Blick auf den bevorstehenden Winter kein Thema mehr. Dennoch ist die wirtschaftliche Lage in Deutschland nur scheinbar besser als im Vorjahr. Tatsächlich lag die Wirtschaftsleistung im Q3 2023 ziemlich exakt auf dem Niveau vom Jahresende 2022. Aktuelle Konjunkturindikatoren weisen auf eine anhaltende Stagnation hin, was die Notwendigkeit politischer und wirtschaftlicher Anpassungen unterstreicht.

(PDF)
Hamburg HarborHamburg Harborlassedesignen – stock.adobe.com

Ein Beitrag von Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI Gruppe

Die Aussichten für das Jahr 2024 bleiben insgesamt getrübt. Ein wesentlicher Grund dafür sind hohe Unsicherheiten über die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft. Die schwache Nachfrage aus den Schlüsselmärkten USA und China begrenzt die Exportaussichten der deutschen Unternehmen. Eine Trendwende ist hier nicht in Sicht.

Aus China sind weiterhin kaum positive Impulse zu erwarten, und der US-Wirtschaft droht im kommenden Jahr eine moderate Rezession, mindestens aber eine deutliche Abschwächung der Wachstumsdynamik. Wenn die Ausfuhr in die beiden wichtigsten Handelspartner außerhalb der EU schwächelt, ist das kein gutes Vorzeichen für die Exporte insgesamt.

Inlandsmarkt unter Zinsdruck

Die restriktive Geldpolitik der Europäischen Zentralbank wirkt sich zunehmend negativ auf den Inlandsmarkt aus. Zwar ist der Anteil der Unternehmen, die Finanzierungsengpässe als wesentliches Produktionshemmnis ansehen, nach wie vor gering. Dafür klagen aber inzwischen fast 40 Prozent der Industrieunternehmen unter Auftragsmangel, und zusammen mit deutlich gestiegenen Zinsen ist das keine gute Voraussetzung für höhere Ausrüstungsinvestitionen.

Im Bausektor federn die bestehenden Aufträge im Tiefbau und im Gebäudebestand die Rückgänge in anderen Bereichen noch ab, aber der Rückgang der Wohnungsbaugenehmigungen um mehr als 30 Prozent, die nahezu halbierten Wohnungsbaukredite an Haushalte und der deutlich sinkende Umsatz von Bauträgern und Projektentwicklern lassen für die Bauinvestitionen insgesamt nichts Gutes erwarten.

Verunsicherung bremst den privaten Konsum

Mit Blick auf den privaten Konsum sollte die steigende Kaufkraft der Haushalte aufgrund der nachlassenden Inflation zu einem spürbaren Anstieg der privaten Ausgaben führen. Dem steht allerdings eine anhaltend sehr schlechte Konsumentenstimmung entgegen, die deutlich unter dem Niveau vom Frühjahr 2020 zu Beginn der Corona-Pandemie liegt.

Nachdem das Bundesverfassungsgericht festgestellt hat, dass die Pläne der Ampel-Regierung zur Finanzierung des Klima- und Transformationsfonds gegen die Verfassung verstoßen, stehen nicht nur zahlreiche Projekte im Rahmen der geplanten Energiewende auf der Kippe. Es herrscht nun auch generell verstärkte Unsicherheit über die Entwicklung von Steuern und das Weiterbestehen von Subventionen. All das lähmt die Ausgabenlust der privaten Haushalte. Auch der staatliche Konsum wird unter der verhängten Haushaltssperre leiden.

Die Regierung ist gefordert

Für 2024 ist nur mit einem marginalen Anstieg der Wirtschaftsleistung zu rechnen. Deutschland droht damit in einen verhängnisvollen Kreislauf zu geraten: Die dann seit fünf Jahren andauernde Wirtschaftsflaute verschärft bestehende Verteilungskonflikte und bremst die Möglichkeiten zur finanziellen Abfederung notwendiger Strukturanpassungen, und dies wiederum bremst die wirtschaftliche Dynamik weiter. Es bleibt zu hoffen, dass die Ampel-Regierung noch die Kraft findet, mittels einer systematischen Verbesserung der allgemeinen Rahmenbedingungen und der Streichung nicht notwendiger Staatsausgaben diesen Knoten zu durchschlagen.

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Frankfurt-565161796-AS-MiguelAngelFrankfurt-565161796-AS-MiguelAngelMiguelAngel – stock.adobe.com
Wirtschaft

Deutsche Wirtschaft hat Talsohle noch nicht durchschritten

Nachdem das BIP im letzten Quartal 2022 um 0,4 Prozent geschrumpft ist, prognostiziert das DIW Berlin auch für das laufende erste Quartal einen erneuten leichten Rückgang der Wirtschaftsleistung. Ab dem Q2 ist dann von zunehmend positiven Raten auszugehen.
Businessman choosing his business directionBusinessman choosing his business directionSergey Nivens – stock.adobe.com
Wirtschaft

Konjunktur zwischen Stagflation und Rezession

Stark steigende Lebenshaltungskosten und Energiepreise dämpfen die Konjunktur, die durch den Nachholbedarf an Dienstleistungen zustande kam. Bis zum Frühjahr 2023 wird ein leicht negatives Wachstum erwartet, das erst ab Frühjahr 2023 in einem moderaten Wachstumspfad mündet.
Progress with cultureProgress with cultureolly – stock.adobe.com
Finanzen

Eine Rezession ist noch nicht in Sicht

Die Märkte begannen zu antizipieren, dass der veränderte Ton der Zentralbanken langfristig eine Rezession auslösen könnte. Historisch gesehen lösen lange Rezessionen kurze Expansionen aus - und nicht umgekehrt.
Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Der EZB-Rat hat beschlossen, die Leitzinsen im Februar 2026 unverändert zu lassen.Die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Der EZB-Rat hat beschlossen, die Leitzinsen im Februar 2026 unverändert zu lassen.Redaktion experten.de / KI-generiert
Wirtschaft

EZB belässt Leitzinsen stabil: Inflation nähert sich Zielmarke von zwei Prozent

Die Europäische Zentralbank lässt die Leitzinsen unverändert. Inflation nähert sich dem Zielwert von 2 Prozent, während geopolitische Risiken den Ausblick prägen.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht