Rüstungsindustrie: Zwischen Nachfrageboom und strukturellen Engpässen
Steigende Verteidigungsausgaben weltweit treffen auf fragile Lieferketten, fiskalische Engpässe und geopolitische Spannungen. Ein neuer Report von Willis, einem Geschäftsbereich von WTW, analysiert die fünf zentralen wirtschaftlichen Risiken für die Rüstungsindustrie.
Geopolitische Instabilität und eine Zunahme gewalttätiger Konflikte zwischen Staaten haben in den vergangenen Jahren zu einem deutlichen Anstieg der globalen Verteidigungsausgaben geführt. Dennoch stehen Rüstungsunternehmen vor erheblichen strukturellen und finanziellen Herausforderungen.
Der Report „Neue wirtschaftliche Risiken im Verteidigungssektor managen“ zeigt: Trotz wachsender Auftragsvolumina sind Produktionskapazitäten begrenzt, internationale Kooperationen fragmentiert und Investitionen mit langfristigen Unsicherheiten behaftet.
„Nachdem wir in den 1990er- und frühen 2000er-Jahren ein historisches Tief an staatlichen Konflikten erlebt haben, hat sich das Blatt zuletzt gewendet. Staatliche Gewalt hat spürbar zugenommen und löste damit einen starken Anstieg der Verteidigungsausgaben sowie eine Neuordnung globaler Lieferketten im Rüstungssektor aus“, sagt Silja-Leena Stawikowski, Senior Account Manager Special Risk bei Willis. „Für Marktteilnehmer bedeutet diese neue Risikolandschaft erhebliche Auswirkungen auf operative Prozesse und die strategische Planung.“
Die fünf zentralen wirtschaftlichen Risiken
1. Nationaler Alleingang oder Ressourcenbündelung?
Verteidigung gilt traditionell als Ausdruck nationaler Souveränität. Gleichzeitig könnten gemeinsame Programme Effizienzgewinne ermöglichen. Staaten wie die USA, Großbritannien, europäische Länder oder Japan stehen vor der Entscheidung, ob sie stärker kooperieren oder eigenständig investieren – mit potenziell höheren Kosten und geringerer Effektivität.
„Regierungen befinden sich in einem Dilemma: Sie müssen abwägen, ob sie gemeinsam und effizienter handeln oder ihre Unabhängigkeit wahren wollen“, so Stawikowski.
2. Zunehmende Zollkonflikte
Der verlängerte Handelsfrieden zwischen den USA und China im November 2025 sorgt nur bedingt für Stabilität. Die Unsicherheit bleibt hoch – insbesondere hinsichtlich möglicher chinesischer Gegenmaßnahmen, etwa bei Seltenen Erden, Halbleitern oder elektronischen Komponenten.
Zugleich drohen neue oder wieder aufflammende Handelskonflikte mit Brasilien, Indien, Mexiko oder Kanada. Für die Verteidigungsindustrie bedeutet dies steigende Produktionskosten, fragile Lieferketten und potenziell gebremstes Wirtschaftswachstum.
3. Abhängigkeit von China
Der Ukraine-Krieg hat die Verwundbarkeit westlicher Staaten hinsichtlich Rohstoff- und Komponentenabhängigkeiten verdeutlicht. Eine weitere Eskalation im asiatischen Raum – etwa rund um Taiwan oder in Südostasien – könnte Handelswege stören und Produktionsprozesse empfindlich treffen.
Die geopolitische Lage bleibt damit ein strukturelles Risikofeld für langfristige Investitionsentscheidungen.
4. „Phantom“-Ausgaben
Viele Staaten haben infolge der Pandemie hohe Schulden aufgebaut. Gleichzeitig erfordern neue sicherheitspolitische Prioritäten langfristige Investitionen in Produktionskapazitäten.
Es besteht das Risiko, dass zugesagte Aufträge aus fiskalischen Gründen ausbleiben oder zeitlich verschoben werden. Gerade der Aufbau zusätzlicher europäischer Produktionskapazitäten kann Jahrzehnte dauern.
„In Anbetracht der dynamischen politischen Entwicklungen stellen derartige Investitionen ein hohes finanzielles Risiko für Regierungen dar“, so Stawikowski.
5. Scheitern der Reindustrialisierung
Die USA treiben eine Reindustrialisierungsstrategie voran, unter anderem durch handelspolitische Maßnahmen. In Europa sind vergleichbare Strategien jedoch komplexer umzusetzen. Jahrzehntelange Liberalisierung und Privatisierung haben industrielle Strukturen teilweise geschwächt.
Ob neue Marktteilnehmer kurzfristig wettbewerbsfähige Kapazitäten im Verteidigungsbereich aufbauen können, bleibt offen.
Versicherbare geopolitische Risiken
Angesichts dieser Gemengelage gewinnen spezialisierte Absicherungslösungen an Bedeutung. Politische Risikoabsicherungen gegen Enteignung oder Vertragsbruch sowie Policen gegen Lieferkettenunterbrechungen gelten als zentrale Instrumente, um Investitionen und Cashflows abzusichern. „So machen Unternehmen auch unter den volatilen Rahmenbedingungen Risiken beherrschbar und sichern ihre Existenz“, betont Stawikowski.
Über die Studie:
Die Studie basiert auf einer Befragung von Führungskräften aus Nordamerika, Europa und Australien in Zusammenarbeit mit Oxford Analytica.
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