Homeoffice steigert Produktivität – aber nur bis zum Kipppunkt

Arbeiten von zu Hause macht produktiver – zumindest bis zu einem gewissen Maß. Eine Langzeitstudie von Fraunhofer IAO und Techniker Krankenkasse zeigt, wo die Vorteile des Homeoffice enden und warum Präsenzarbeit weiterhin eine zentrale Rolle spielt. Auch Versicherer stehen dabei vor ähnlichen Herausforderungen.

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Karen Walkenhorst, Mitglied des Vorstands der Techniker KrankenkasseKaren Walkenhorst, Mitglied des Vorstands der Techniker KrankenkasseTechniker Krankenkasse

Studie belegt deutlichen Produktivitätszuwachs im Homeoffice

Eine gemeinsame Untersuchung des Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO und der Techniker Krankenkasse kommt zu einem klaren Ergebnis: Mitarbeitende sind im Homeoffice im Durchschnitt rund 20 Prozent produktiver als im Büro.

Analysiert wurden über einen Zeitraum von zwei Jahren sämtliche Teams mit Sachbearbeitungs- und Kundenkontakt bei der TK. Grundlage der Auswertung waren objektive Leistungskennzahlen wie die Anzahl bearbeiteter Kundenanliegen und geführter Kundentelefonate. Insgesamt flossen die Arbeitsdaten von rund 11.000 Mitarbeitenden in die Studie ein.

Gesamtproduktivität wächst langsamer als erwartet

Trotz der höheren individuellen Produktivität im Homeoffice fällt der Effekt auf die Gesamtproduktivität geringer aus. Der Grund liegt laut Studie im fehlenden fachlichen Austausch und in reduzierten informellen Gesprächen, die überwiegend im Büro stattfinden.

„Viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bevorzugen das Homeoffice für konzentrierte Tätigkeiten, fachlicher Austausch und Zusammenarbeit funktionieren jedoch nach wie vor im persönlichen Kontakt am besten“, erklärt Karen Walkenhorst, Mitglied des Vorstands der Techniker Krankenkasse.

Der Kipppunkt liegt bei rund 60 Prozent Homeoffice

Ein zentrales Ergebnis der Untersuchung ist die Identifikation eines klaren Kipppunkts. Bis zu einem Homeoffice-Anteil von etwa 60 Prozent steigen die Produktivitätsvorteile – darüber hinaus sinkt die Leistung wieder.

„Die Präsenzzeit ermöglicht wichtige informelle und fachliche Kontakte“, erläutert Dr. Josephine Hofmann vom Fraunhofer IAO. Wird zu wenig Zeit gemeinsam im Büro verbracht, fehlen Informationen und soziale Anknüpfungspunkte, die für effizientes Arbeiten – auch im Homeoffice – notwendig sind. Je geringer die Präsenz, desto stärker verstärke sich dieser Effekt.

Versicherer setzen seit der Pandemie verstärkt auf hybride Modelle

Die Ergebnisse sind auch für die Versicherungsbranche relevant. Spätestens seit der Corona-Pandemie haben viele Versicherer ihre Arbeitsmodelle grundlegend verändert und hybride Konzepte etabliert. Flexible Arbeitsformen gelten inzwischen nicht mehr als Ausnahme, sondern als fester Bestandteil moderner Organisationsstrukturen.

So plant etwa die NÜRNBERGER Versicherung einen deutlichen Rückbau klassischer Büroflächen, während die Zurich Gruppe Deutschland mit ihrem Modell „Flexwork 2.0“ gezielt auf eine Kombination aus mobiler Arbeit und Präsenz setzt. Beide Beispiele zeigen, dass auch Versicherer versuchen, Effizienzgewinne aus dem Homeoffice mit den Vorteilen persönlicher Zusammenarbeit zu verbinden.

Hoher Einfluss auf Zufriedenheit und Vereinbarkeit

Neben der Produktivität untersuchte die Studie auch die Zufriedenheit der Mitarbeitenden. Die Ergebnisse fallen deutlich aus: 93 Prozent der Befragten gaben an, dass Homeoffice ihnen bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie hilft. 81 Prozent berichteten von einer spürbaren Reduktion von Stress und Belastung im Alltag.

Die Techniker Krankenkasse bietet ihren Mitarbeitenden bereits seit 2019 die Möglichkeit, bis zu 60 Prozent der Arbeitszeit im Homeoffice zu verbringen. Mehr als 90 Prozent der Beschäftigten nutzen dieses Angebot regelmäßig.

Balance statt Entweder-oder

Die Studienautoren betonen, dass es keine pauschale Idealquote für alle Unternehmen gibt. Entscheidend seien Tätigkeitsprofil, Teamorganisation und Unternehmenskultur. Langfristige Analysen wie die vorliegende Studie könnten jedoch helfen, emotionale „Back-to-Office“-Debatten zu versachlichen und arbeitsorganisatorische Entscheidungen faktenbasiert zu treffen.

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