Niedrigzins treibt Pensionsverpflichtungen
Die aktuellen Marktturbulenzen hinterlassen ihre Spuren auch in der Bilanzierung betrieblicher Pensionspläne. Im zweiten Quartal 2016 stiegen die Pensionsverpflichtungen der DAX-Konzerne um 7,0 Prozent auf 428,8 Mrd. Euro, nachdem der Rechnungszins auf 1,7 Prozent gefallen war. Hingegen stieg das Planvermögen leicht um 0,4 Prozent auf 237,0 Mrd. Euro. Zu diesem Ergebnis kommen Modellberechnungen von Willis Towers Watson.
Die „German Pension Finance Watch“ (GPFW) stellt die Auswirkungen der Kapitalmarktentwicklungen auf deutsche Benchmark-Pensionspläne dar. Verglichen wird ein Musterplan, der Ende 2003 vollständig ausfinanziert war (100-Prozent-Plan) und laufend in Höhe der neu erdienten Ansprüche dotiert wird mit einem für ein DAX- beziehungsweise MDAX-Unternehmen typischen Pensionsplan.
Rechnungszins unter Druck
Von April bis Juni kletterten die Pensionsverpflichtungen der DAX-Konzerne um 7,0 Prozent auf 428,8 Mrd. EUR, zeigt die Hochrechnung des DAX-Musterplans. Auch die Pensionsverpflichtungen der MDAX-Unternehmen verzeichneten ein Plus von 6,9 Prozent auf 67,1 Mrd. EUR. Grund für diesen deutlichen Anstieg war der Verfall des Rechnungszinses. Dieser war im zweiten Quartal um 42 Basispunkte auf 1,70 Prozent eingebrochen, nachdem schon im ersten Quartal ein Rückgang um 38 Basispunkte auf 2,12 Prozent zu verzeichnen war.
Dr. Thomas Jasper, Leader Retirement Western Europe von Willis Towers Watson, erklärt die aktuelle Entwicklung:
„Diese Talfahrt lässt sich zum einen auf die Leitzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) und der US Federal Reserve (US Fed) und zum anderen auf eine gestiegene Nachfrage nach sicheren Anlagen zurückführen. So wurden im März die Leitzinsen im Euroraum gesenkt und in den USA – anders als erwartet – nicht erhöht. Die Ausweitung des Quantitative Easing-Programms der EZB sowie die Marktturbulenzen in Folge des Brexit ließen die Nachfrage nach den für die Zinsfestsetzung maßgeblichen AA-Anleihen steigen.
In der Folge reduzierten sich ihre Renditen und damit der anzusetzende Rechnungszins weiter. Dadurch stieg der in den Bilanzen anzusetzende Verpflichtungsumfang für die betriebliche Altersversorgung – er folgt gemäß der Rechnungslegungsvorschriften unmittelbar der Volatilität des Zinsumfelds.“
Planvermögen stabil, Verpflichtungsumfang gestiegen
Trotz des turbulenten Marktumfelds wuchsen die Planvermögen im DAX um 0,7 Prozent auf 237,0 Mrd. Euro; im MDAX blieben sie stabil bei 27,8 Mrd. Euro. Hingegen waren aufgrund des Niedrigzinsumfelds deutlich höhere Pensionsverpflichtungen in den Bilanzen anzusetzen – im DAX 428,8 Mrd. Euro (+7 Prozent) und im MDAX 67,1 Mrd. Euro (+ 6,9 Prozent).
Dies hat im zweiten Quartal zu einem deutlich geringeren Ausfinanzierungsgrad von Pensionsplänen geführt. Der Ausfinanzierungsgrad zeigt das Verhältnis von Pensionsverpflichtungen und den Finanzmitteln, die zu ihrer Erfüllung zurückgestellt werden. Die GPFW kommt zu dem Schluss, dass die Planvermögen im DAX Ende Juni einen Ausfinanzierungsgrad von nur 55,3 Prozent erreichten – ein Rückgang um weitere 3,5 Prozentpunkte gegenüber Ende März. Bei den MDAX-Planvermögen fiel das Minus mit 2,7 Prozentpunkten auf 41,5 Prozent etwas moderater aus.
Dr. Thomas Jasper erklärt:
„Da es sich bei den Pensionen um langfristige Verpflichtungen handelt, hat der aktuelle Druck auf das Bilanzbild keinen unmittelbaren Einfluss auf den Cashflow. Die Zahlung der Betriebsrenten ist weiterhin gewährleistet.“
Dennoch sollten seiner Meinung nach sowohl Unternehmen als auch die Politik nicht untätig bleiben:
„Eine flächendeckende Verbreitung der betrieblichen Altersversorgung (bAV) ist immer noch nicht erreicht. Daher gilt es, die gesetzlichen Rahmenbedingungen für die bAV weiter zu verbessern, damit es den Unternehmen erleichtert wird, ihren Mitarbeitern ein werthaltige bAV anzubieten.“
bAV-Verantwortlichen in Unternehmen empfiehlt er, die Marktturbulenzen zum Anlass zu nehmen, um den angebotenen Pensionsplan noch einmal zu prüfen: „Ist das bAV-Angebot zeitgemäß? Kann die Finanzierungsstrategie weiter ausgefeilt werden? Sind Risikomanagement und Reporting auf dem aktuellen Stand?“ Jasper führt aus:
„In den letzten Jahren haben zahlreiche Unternehmen ihre bAV überarbeitet und ihre Finanzierungsstrategien an das Niedrigzinsumfeld angepasst. Damit ist die bAV ‚wetterfest‘ aufgestellt – ganz im Sinne von Unternehmen und Mitarbeitern.“
bAV: aus Mitarbeitersicht der wichtigste Weg für die ergänzende Altersvorsorge
Bei Arbeitnehmern steht die bAV weiterhin hoch im Kurs, wie eine aktuelle Studie, der „Global Benefits Attitudes Survey“ von Willis Towers Watson, belegt. Knapp 70 Prozent der Mitarbeiter in Deutschland geben an, hauptsächlich über die bAV für ihre Rente vorzusorgen. Über 90 Prozent meinen, dass die bAV ein gleichwertiges oder sogar besseres Kosten-Nutzen-Verhältnis bietet als die private Altersvorsorge. Mehr als vier Fünftel (83 Prozent) wünschen sich, dass ihr Arbeitgeber eine aktive Rolle bei der Bereitstellung einer Altersversorgung spielt.
Jasper kommentiert:
„Gerade hier kann die Politik ansetzen, wenn sie eine weitere Verbreitung der ergänzenden Altersvorsorge erreichen will. Mitarbeiter wollen die bAV und für Unternehmen ist es im Hinblick auf die Mitarbeitergewinnung und -bindung mehr als sinnvoll, auf diesen Wunsch einzugehen. Wenn nun die Politik bürokratische Hürden und unnötige Komplexität ausräumt, steht einer weiteren Verbreitung nichts im Weg.“
Hohes Interesse an Wahlmöglichkeiten – Beratung erforderlich
Drei Viertel der Mitarbeiter wünschen sich eine flexible bAV, um die Höhe ihrer Eigenbeiträge, Auszahlungsoptionen und z.B. eine Hinterbliebenenversorgung an ihre individuelle Lebenssituation anzupassen. Jasper betont:
„Wenn Unternehmen entsprechende Wahloptionen anbieten und Mitarbeitern beispielsweise durch eine individuelle Beratung helfen, aus dem angebotenen Pensionsplan das Beste für sich herauszuholen, stärkt das die Mitarbeiterbindung erheblich.“
So sagen fast drei Viertel der Mitarbeiter, die mit ihrer bAV zufrieden sind, dass sie gern bis zur Rente bei ihrem derzeitigen Arbeitgeber arbeiten möchten.
Bild: (1) © ra2 studio / fotolia.com (2) © Willis Towers Watson
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