Die (Finanz-)Welt steht Kopf: Bundesanleihen mit Negativzins
Mit Bundesanleihen war schon seit einiger Zeit nichts mehr zu verdienen - jetzt müssen Inhaber erstmals draufzahlen. Denn deutsche Bundesanleihen bringen negative Renditen. Wikipedia betont in seiner Definition des Wortes „Rendite“, dass dieser Begriff nicht mit Rentabilität gleichzusetzen ist, während der Duden noch angibt, dass „Profit“ und „Gewinn“ Synonyme seien. Dies muss jetzt wohl geändert werden. Zwei Experten kommentieren die Entwicklung.
Christopher Kalbhenn, Börsenzeitung, sieht Deutschland im "Club" der Negativzinsler angekommen:
"Bis auf minus 0,034 Prozent ist die Rendite der Benchmark, der richtungweisenden Anleihe für den Euroraum, am Dienstag gesunken. Damit werfen nun erstmals seit der Begebung der ersten Bundesanleihe im Jahr 1952 die von zwei bis zehn Jahren reichenden Standardlaufzeiten des Bundes durchweg negative Kuponerträge ab.
Überraschen kann an dem Ereignis allenfalls, dass es nicht schon am Montag geschehen ist, als die Verunsicherung der Marktteilnehmer Risiko-Assets unter Druck setzte und Safe-Haven-Anlagen Auftrieb verlieh. Denn die Anleiherenditen werden gleich von mehreren, durch ihre Kombination sehr starken Faktoren gedrückt. Dazu zählt nicht zuletzt das Anleihekaufprogramm der Europäischen Zentralbank. Im Rahmen des Programms dürfen nur Anleihen gekauft werden, deren Rendite nicht unter dem Einlagensatz (minus 0,4 Prozent) liegt. Damit kommen neben den Kurzläufern zunehmend auch mittlere Laufzeiten nicht mehr für das Kaufprogramm in Frage, so dass zunehmend auf längere Laufzeiten und damit u.a. auch zehnjährige Titel zugegriffen werden muss.
Ähnlich wirkt der Anlagenotstand. Die Investoren müssen in immer längere Laufzeiten ausweichen, um ausreichende Anlageerträge zu erzielen oder wenigstens nur geringfügig negative Renditen zu kaufen. Nicht zuletzt treibt die Verunsicherung die Marktteilnehmer in sichere Assets wie Bundesanleihen. Hintergrund sind derzeit das Brexit-Votum und die ebenfalls demnächst anstehende Parlamentswahl in Spanien sowie sich wieder verstärkende Sorgen über das globale Wachstum. Aus diesem Grund ist die Zinstalfahrt auch kein rein europäisches Phänomen. Auch in den USA stehen die Staatsanleiherenditen unter Druck, obwohl die Zentralbank, wenn auch sehr zögerlich, die Leitzinswende gestartet hat.
Mit der negativen Zehnjahresrendite schließt sich der Bund dem "Club" an, den die Schweiz gegründet hat und dem auch Japan angehört. Bei den Eidgenossen reicht das negative Zinsterrain bereits bis zur 20-jährigen Laufzeit. Da die Faktoren, die die Renditen unter Druck setzen, vorerst noch Bestand haben werden, ist durchaus möglich, dass sich der Club vergrößern wird und noch längere Bund-Laufzeiten negatives Terrain betreten werden."
Zudem könnte der Bund heute noch einen Meilenstein erreichen. Die zehnjährige Anleihe wird aufgestockt, so dass in der Laufzeit auch auf Primärmarktebene ein Minuszeichen zu sehen sein könnte.
Stefan Kreuzkamp, Chief Investment Officer der Deutschen Asset Management kommentiert das Geschehen wie folgt:
„Zehnjährige Staatsrenditen sind im Finanzwesen das Maß aller Dinge. Das Minuszeichen vor dem Zins verdeutlicht nicht nur symbolisch, inwieweit die Welt Kopf steht. Das Wegschmelzen dieser Referenzgröße verzerrt sämtliche Anlageklassen. Auf dem Weg zum Negativzins gab es einige Gewinner und viele Verlierer. Aufgrund des im internationalen Vergleich unterdurchschnittlichen Aktien- und Immobilien-, aber überdurchschnittlichen Sparbuchbesitzes gehören die Deutschen zu den Verlierern.
Ein Gutes hat der Negativzins: Er zwingt die Deutschen über ihr Anlageverhalten nachzudenken.
Natürlich gibt es kein Recht auf Zins. Aber eine Marktwirtschaft lebt von der Signalfunktion der Preise. Durch das QE-Programm verzerren die Zentralbanken die Nachfrageseite derart, dass sie über das wirkliche Spar- und Investitionsumfeld der Wirtschaft nichts mehr aussagt.“
Bild: © Sergey Nivens / fotolia.com
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