Während in neun Bundesländern die Armutsquoten 2014 gesunken seien, belegt der Bericht einen Anstieg der Armut in den bevölkerungsreichen Bundesländern Bayern und Nordrhein- Westfalen. Hauptrisikogruppen seien Alleinerziehende und Erwerbslose sowie Rentnerinnen und Rentner, deren Armutsquote rasant gestiegen sei und erstmals über dem Durchschnitt liege, beklagt der Paritätische Wohlfahrtsverband in seinem aktuellen Armutsbericht.
Das gute Wirtschaftsjahr 2014 habe zu keinem nennenswerten Rückgang der Armutsquote in Deutschland geführt. Die Armut verharre mit 15,4 Prozent auf hohem Niveau, so der Bericht. Die Armutsquote sei zwar von 2013 auf 2014 um 0,1 Prozentpunkte gesunken. Ob der Negativtrend seit 2006, als die Armutsquote noch 14 Prozent betrug, damit gestoppt sei, sei jedoch offen. Während es insbesondere in Berlin und Mecklenburg- Vorpommern signifikante Rückgänge der Armutsquoten gegeben habe, setze sich der Negativtrend in Nordrhein-Westfalen ungebrochen fort. Das Ruhrgebiet bleibe mit Blick auf Bevölkerungsdichte und Trend die armutspolitische Problemregion Nummer Eins in Deutschland. Seit 2006 sei die Armutsquote im Ruhrgebiet um 27 Prozent angestiegen auf einen neuen Höchststand von 20 Prozent.
Die am stärksten von Armut betroffenen Gruppen sind nach dem Bericht Erwerbslose (58 Prozent). Auch die Kinderarmutsquote (19 Prozent) liegt nach wie vor deutlich über dem Durchschnitt, wobei die Hälfte der armen Kinder in Haushalten Alleinerziehender lebt. Die Armutsquote Alleinerziehender liegt bei sogar 42 Prozent, was u.a. an systematischen familien- und sozialpolitischen Unterlassungen liegt.
Alarmierend sei die Entwicklung insbesondere bei Rentnerhaushalten. Erstmalig seien sie mit 15,6 Prozent überdurchschnittlich von Armut betroffen. Die Quote der altersarmen Rentnerinnen und Rentner sei seit 2005 um 46 Prozent und damit so stark angewachsen wie bei keiner anderen Bevölkerungsgruppe. Laut statistischem Bundesamt hatten im Dezember 2015 rund 536 000 beziehungsweise 51,6 Prozent der Empfängerinnen und Empfänger von Grundsicherung die Altersgrenze erreicht oder überschritten und erhielten somit Grundsicherung im Alter.
Rentenerhöhung ändert nichts an steigender Altersarmut
SoVDPräsident Adolf Bauer äußert sich am Mittwoch zur Rentenanpassung 2016:
„Die Rentnerinnen und Rentner haben diese Anpassung mehr als verdient. Doch die frohe Botschaft ändert nichts an dem eigentlichen Problem. Rund 536.000 Rentner sind bereits heute auf Grundsicherung angewiesen. Insbesondere die künftige Auswirkung des Nachhaltigkeitsfaktors und der politische Wille, das Rentenniveau weiter zu senken, bleiben aktuell und gehören selbstverständlich auf die politische Agenda. Ziel muss es sein, das Rentenniveau zu stabilisieren.“
Staatlich geförderte Altersvorsorge gescheitert?
Trotz der Vielzahl abgeschlossener Verträge spiele die Riester-Rente keine nennenswerte Rolle dabei, das Altersvorsorgeproblem zu lösen, findet Prof. Stefan May, Leiter Vermögensverwaltung der quirin bank AG. Hierzu sind die geleisteten Beiträge sowie die erzielten Renditen einfach zu gering. "Das ganze Elend wird an drei Problemen deutlich: Die private Altersvorsorge ist zu kompliziert, zu teuer und die Kundengelder werden auch noch falsch angelegt", analysiert Kapitalmarktforscher May das Dilemma. Die Riester-Rente sei hierfür ein eklatantes Beispiel: Selbst Experten haben den Überblick über die Vielfalt und Details der Durchführungsvarianten verloren. "Es ist geradezu abenteuerlich, zu glauben, man könne mit solch monströs-komplizierten Angeboten breite Bevölkerungskreise - insbesondere junge Menschen - dazu bewegen, ausreichend für das Alter vorzusorgen", so May.
Szenario der Vermögensentwicklung eines Ansparplanes über 40 Jahre bei einer realisierten Performance von 5,17 % p.a. mit und ohne Zusatzkosten von 2,5 % p.a. / Anfangsvermögen: 25.000 EUR; monatliche Zuzahlung: 500 EUR. / Abgedruckt sind zudem die jeweiligen nach 40 Jahren zur Verfügung stehenden Vermögenswerte sowie die daraus über 20 Jahre finanzierbaren Monatsrenten bei einem Zinssatz von 2 %.Erschwerend komme der Kostenfaktor hinzu. Weil deutsche Anleger geradezu besessen seien von allem, was Sicherheit verspricht, habe die Versicherungswirtschaft das Thema Altersvorsorge zu ihrer Angelegenheit erklären können. "Die Kosten dieser Aneignung sind enorm", sagt Professor May. Konservative Schätzungen gehen von 1,5 bis 2,5 Prozent versicherungsbedingter Zusatzkosten pro Jahr aus. "Dazu kommen die Kosten des Portfoliomanagements. Nahezu alle privaten Vorsorgetöpfe sind entweder bei Versicherungen oder in sogenannten "aktiv" gemanagten Investmentfonds angelegt. Genau diese sind aber mit die teuersten. Kostensätze von 1,5 Prozent bis 2 Prozent pro Jahr sind durchaus nicht ungewöhnlich. Anlegern gehen dadurch Jahr für Jahr Beträge in Milliardenhöhe für die Altersvorsorge verloren", so May.
Riester-Rente attraktiver machen und nicht einstampfen
Die Kritiker der Riester-Rente liegen falsch. 16,5 Millionen Verträge – davon 40 Prozent von Geringverdienern – machen deutlich, dass die Riester-Altersvorsorge eine Erfolgsgeschichte ist.“, erklärt BDWi-(Bundesverband der Dienstleistungswirtschaft)-Präsident Michael H. Heinz. „Reformbedarf besteht trotzdem. Für die aktuelle Renditeschwäche liegt die Ursache bei der verantwortungslosen Geldpolitik der Europäischen Zentralbank“, erläutert Heinz. Die Riester-Rente sollte nicht länger vollständig auf die Grundsicherung angerechnet werden, die Förderung muss erhöht und Bürokratie abgebaut werden“, fordert Heinz.
BDWi-Präsident Michael H. Heinz„Der Staat investiert über den Zuschuss im Bundeshaushalt jährlich in die Förderung der gesetzlichen Rente 40-mal so viel wie in die Riester-Förderung. In Anbetracht des sinkenden Rentenniveaus ist eine bessere Förderung der privaten Vorsorge aber dringend notwendig“, erklärt Heinz.
„Bei der privaten Altersvorsorge können sich die Bürger darauf verlassen, dass das Konto nicht kurzfristig für Wahlkampfgeschenke leergeräumt wird. Das ist bei der gesetzlichen Rentenversicherung mit der Mütterrente und der „Rente mit 63“ geschehen. Darum bringt das Projekt „Deutschlandrente“ für die Bürger mehr Risiko als Nutzen mit sich.
Bild: © xalanx / fotolia.com (2) © quirin Bank
Themen:
LESEN SIE AUCH
CHARTA wird neues BVK-Mitglied
BVK: Riester-Reform soll Altersvorsorgedepots flankieren
BVK-Präsidium einstimmig wiedergewählt
Studie bestätigt BVK-Kritik an Staatsfonds
Unsere Themen im Überblick
Themenwelt
Wirtschaft
Management
Recht
Finanzen
Assekuranz
Camping: „Viele Kunden sind sich ihrer Risiken gar nicht bewusst“
E-Bikes auf dem Auto: Warum der Transport zum Sicherheitsrisiko wird
Wenn Marder auf Partnersuche gehen, wird das Auto zum Reviermarker
Betriebsratswahlen 2026: Neue Gremien zwischen Lernphase und Transformationsdruck
Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk
Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.














