Die EY-Studie misst den Rückgang – tatsächlich verliert die Automobilindustrie ihre strukturelle Stabilität

Veröffentlichung: 25.03.2026, 10:03 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Die vorliegende Analyse von EY-Parthenon zur Entwicklung der deutschen Automobilindustrie zeigt einen gleichzeitigen Rückgang von Umsatz, Beschäftigung und Exportdynamik. Der Branchenumsatz sank 2025 um 1,6 Prozent, nach einem Rückgang von fünf Prozent im Vorjahr. Seit 2023 ergibt sich ein kumuliertes Minus von 6,5 Prozent. Parallel dazu ging die Beschäftigung 2025 um 6,2 Prozent zurück und liegt auf dem niedrigsten Stand seit 2011. Seit 2019 beträgt der Beschäftigungsabbau 12,9 Prozent. Diese Entwicklung ist nicht zyklisch. Sie ist strukturell.

(PDF)
Automobilindustrie im WandelAutomobilindustrie im WandelAdobe

Das Geschäftsmodell basiert auf stabilen Exporten und funktionierender Zulieferstruktur

Das zugrunde liegende System lässt sich als dreistufige Wertschöpfungskette beschreiben:

  • Hersteller mit hoher Kapitalbindung und globaler Markenzugkraft
  • Zulieferer mit geringerer Preissetzungsmacht und hoher Spezialisierung
  • Exportmärkte als externer Nachfrageanker

Die Stabilität des Systems hängt von drei Parametern ab:

  • globale Nachfrage (insbesondere China und USA)
  • Kosten- und Innovationsdruck entlang der Lieferkette
  • Integrationsgeschwindigkeit neuer Technologien (Elektromobilität, Software)

Das bisherige Gleichgewicht basierte auf Exportüberschüssen, stabiler Beschäftigung und einem funktionierenden Zuliefernetzwerk.

Der strukturelle Bruch entsteht im Zuliefersegment

Die Daten zeigen:

  • Umsatzrückgang Zulieferer 2025: –4,3 % (Hersteller: –1,1 %)
  • Beschäftigungsabbau Zulieferer 2025: –11 %
  • Seit 2019: –23,5 % der Stellen bei Zulieferern

Gleichzeitig steigt die Zahl der Insolvenzen auf ein 14-Jahres-Hoch (39 Insolvenzverfahren von Januar bis November 2025).

Das ist kein normaler Anpassungsprozess. Es ist eine Erosion der industriellen Mittelschicht.

Zulieferer tragen die Transformationskosten, ohne über die Preissetzungsmacht der OEMs zu verfügen. Sie verlieren Volumen durch Technologiewechsel und gleichzeitig Marge durch steigende Kosten und Preisdruck.

Die Exportbasis verliert gleichzeitig ihre stabilisierende Funktion

Parallel verschiebt sich die Nachfragebasis:

  • Exporte insgesamt: –4 % in 2025
  • USA: –18 %
  • China: –33 % und Rückfall von Platz 2 auf Platz 6 der Exportmärkte

Noch relevanter ist die bilanzielle Umkehr: Aus einem Exportüberschuss gegenüber China wurde auf EU-Ebene ein Defizit (–6 Mrd. €).

Damit fällt ein zentraler Stabilitätsanker weg: das außenwirtschaftliche Gleichgewicht.

Regionale Konzentration verstärkt die strukturelle Verwundbarkeit

Die regionale Verteilung der Beschäftigung zeigt eine zweite Ebene der Instabilität:

  • 54 % der Beschäftigten konzentrieren sich auf drei Bundesländer
  • gleichzeitig Rückgänge in nahezu allen Regionen
  • in einzelnen Bundesländern seit 2019 Rückgänge von über 20 %

Das System verliert nicht nur Volumen, sondern auch Breite.

Die Transformationsasymmetrie wird zum entscheidenden Systemparameter

Der entscheidende Parameter ist nicht die Nachfrage, sondern die Transformationsasymmetrie:

Die Geschwindigkeit des technologischen Wandels übersteigt die Anpassungsfähigkeit der bestehenden industriellen Struktur – insbesondere im Zulieferbereich.

Hersteller können Transformation finanzieren und global verlagern. Zulieferer müssen sie lokal tragen.

Die Branche bleibt bestehen, verliert aber ihre innere ökonomische Tragfähigkeit

Die deutsche Automobilindustrie bewegt sich in eine strukturelle Schieflage, in der ihre Wertschöpfungsstufen nicht mehr synchron funktionieren. Während die Hersteller ihre globale Wettbewerbsfähigkeit partiell sichern, verliert das Zuliefersegment kontinuierlich Substanz. Parallel erodieren die außenwirtschaftlichen Überschüsse, die dieses System über Jahre stabilisiert haben.

Die Folge ist kein sichtbarer Kollaps, sondern ein schleichender Funktionsverlust: Die Branche bleibt als industrielles System formal bestehen, verliert jedoch im Inneren ihre ökonomische Kohärenz. Damit wird nicht die Existenz der Industrie infrage gestellt, wohl aber ihre Fähigkeit, Beschäftigung, Wertschöpfung und Stabilität in der bisherigen Form zu tragen.

(PDF)

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht