Rückblick auf die BVSV-PartnertageGöttingen, Gleise und Gewissheiten

Veröffentlichung: 27.01.2026, 17:01 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Verspätete Züge, klare Worte und unerwartete Parallelen zur Kunst: Michael Fiedler blickt im Kommentar auf die BVSV-Partnertage in Göttingen zurück. Über Fachlichkeit, Sichtbarkeit und die Frage, warum „Klasse statt Masse“ mehr ist als ein Schlagwort.

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Blick auf das Gleisbett bei Hildesheim.Blick auf das Gleisbett bei Hildesheim.Michael Fiedler

Manchmal kündigt sich ein Veranstaltungsbesuch schon auf dem Bahnsteig an. In meinem Fall mit zu viel Zeit, zu vielen Verspätungen und dem leisen, aber hartnäckigen Gedanken: Warum tust du dir das eigentlich an?

Zu früh am Bahnhof. Eine Stunde warten. Zug nach Braunschweig verspätet. Anschluss nach Göttingen verpasst. Wieder eine Stunde. Dann im nächsten Zug: Oberleitungsschaden bei Hildesheim. Weitere vierzig Minuten Stillstand.
In Braunschweig wollte ich eigentlich schon umkehren. Wirklich.

Irgendwann Ankunft in Göttingen. Das letzte Stück mit dem Taxi – nobel geht die Welt zugrunde – und plötzlich war sie da: diese eigenartige Mischung aus Erleichterung, Müdigkeit und Neugier. Was verbirgt sich eigentlich hinter diesen Partnertagen des Bundesverbands der Sachverständigen für das Versicherungswesen?

Schnuppern war der Plan – bleiben wurde die Entscheidung

Eigentlich wollte ich nur kurz reinschauen. Fährte aufnehmen. Atmosphäre prüfen. Am Nachmittag wieder zurück. Doch aus der Verspätung wurde ein Perspektivwechsel – und aus dem ersten Eindruck mehr.

Nicht zuletzt, weil Jörg Laubrinus mich herzlich empfing und sich mit bemerkenswertem persönlichem Einsatz noch darum kümmerte, dass ich ein Zimmer bekam. Kein großes Drama, keine große Bühne – einfach machen. Ein Detail, das viel über eine Veranstaltung sagt.

Vom BVSV kannte ich bislang vor allem das Führungspersonal: Andreas Schwarz, Jörg Laubrinus. Dazu vereinzelt bekannte Gesichter – etwa Andreas Grimm oder Joachim Haid, der einst als „Riester-Papst“ bekannt und später Sachverständiger wurde.
Aber wer ist dieser Verband wirklich? Und wie fühlt er sich an, jenseits von Organigrammen und Positionspapieren?

Klarer auftreten, anders entscheiden

Der erste Vortrag, den ich miterlebte – ebenfalls von Jörg Laubrinus – setzte den Ton:
Entscheidungen treffen. Anders auftreten. Klarer. Sichtbarer. Und vor allem: Hör auf, in Problemen zu denken.
Keine Motivationsfloskeln, kein Speaker-Zirkus. Eher eine Einladung zur Selbstprüfung: Was mache ich eigentlich? Und warum genau so?
Immer wieder fiel ein Gedanke, der hängen blieb: Klasse statt Masse.
Nicht nur als Geschäftsmodell, sondern als Haltung.

Kompetenz trifft Detailtiefe

Was mir besonders auffiel: Wer hier zusammenkommt, meint es ernst.
Sehr ernst. Teilweise so ernst, dass man sich plötzlich in Deep-Talks über AVB wiederfindet – mit Menschen, die Versicherungsbedingungen nicht nur lesen, sondern bewohnen.

Da ist etwa Patrik Schulze aus Bad Düben, ein Teilnehmer, der sich ausschließlich mit Schadenfreiheitsklassen in der Kfz-Versicherung beschäftigt. Ausschließlich. Oder Mirko Lange aus dem ERGO Spezialvertrieb, der über betriebliche Altersversorgung und die digitale Rentenübersicht spricht – sachlich, fundiert, ohne Vertriebsrhetorik. Oder Michael Jeinsen von der kommunikate GmbH, der Absicherungskonzepte für Heilberufe erklärt, als ginge es um Handwerk, nicht um Produktverkauf.
Das Publikum: klein, aber fein.
Kein Lärm. Kein Buzzword-Bingo. Dafür Aufmerksamkeit, Widerspruch, Nachfragen.

„Anders sein“ – der unerwartete rote Faden

Am Abend dann ein Zufall, der keiner war:
Im selben Hotel fand eine Finissage mit dem Titel „Anders sein“ statt.

Gezeigt wurden sehr unterschiedliche Arbeiten von Anna Rotkind, Alina Kominowski, Kim Kurmes, Petra Erengil sowie Fotografien von Dana Kirchner. Unterschiedliche Stile, unterschiedliche Zugänge, keine gefällige Einheit – sondern bewusste Eigenständigkeit.
Und plötzlich fügte sich etwas zusammen.
Was tagsüber in Vorträgen und Gesprächen formuliert wurde – Klasse statt Masse, klarer auftreten, sichtbarer werden – hing nun an den Wänden. Kunst, die nicht gefallen wollte, sondern Position bezog. Arbeiten, die sich nicht erklärten, sondern standen.
Es war derselbe Gedanke, nur in einer anderen Sprache.

Kein Hochglanz, aber Haltung

Die BVSV-Partnertage sind keine Massenveranstaltung. Kein Branchenevent mit Buffet und PowerPoint-Feuerwerk.
Sie wirken eher wie ein Ort für Menschen, die ihr Fach beherrschen – und bereit sind, darüber zu streiten.

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied: Hier geht es weniger um Reichweite, mehr um Relevanz. Weniger um Inszenierung, mehr um Substanz.

Als ich am nächsten Tag wieder abreiste, dachte ich kurz an Braunschweig. Und an den Moment, an dem ich fast umgedreht wäre.
Gut, dass ich es nicht getan habe.

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