Erhöhen ETFs das Risiko für eine Finanzkrise?

Veröffentlichung: 20.07.2018, 05:07 Uhr - Lesezeit 7 Minuten

ETFs feiern gerade in einem Niedrigzinsumfeld als kluge Anlagealternative derzeit große Erfolge. Doch die Zahl der kritischen Stimmen steigt, denn einige „Experten“ verkünden, dass ETFs und andere Indexfonds die Stabilität des Finanzsystems bedrohen und das Risiko für eine neue Finanzkrise erhöhen würden.

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Um dies zu überprüfen, werden die Vorwürfe genauer beleuchtet und untersucht, wie hoch das Systemrisiko von ETFs tatsächlich ist:

Kapitalverteilung wird über Verbraucher bestimmt

Viele Kritiker befürchten, dass durch den gestiegenen Marktanteil passiver Investments die volkswirtschaftliche Kapitalallokation der Finanzmärkte beeinträchtigt wird. Diese soll definitionsgemäß das Kapital in Investitionen mit der höchsten Rendite lenken und somit eine möglichst produktive Verwendung gewährleisten.

Passive Investments investieren in einen gesamten Index und unterscheiden Unternehmen nicht nach gut oder schlecht. Somit partizipieren diese nicht an der Allokationsfunktion der Kapitalmärkte.

Gerald Klein, Gründer und CEO des Robo Advisors growney, erläutert:

„Allerdings können auch aktive Anleger und Fondsmanager keinen erheblichen Einfluss auf die Allokation von Eigen- und Fremdkapital in einer Volkswirtschaft ausüben. Es ist also wenig sinnvoll diesen Kritikpunkt gegenüber ETFs anzuwenden.“

Beim klassischen Aktienkauf fließt das Geld nicht den Unternehmen direkt zu, sondern dem Verkäufer des Wertpapiers. Dies ist nur bei einer Emission von Aktien oder Anleihen der Fall. Die eigentliche Macht, Unternehmen mit Kapital zu belohnen oder abzustrafen, haben nach wie vor die Konsumenten. Sie können durch den Erwerb eines Produktes oder einer Dienstleistung den Umsatz eines Unternehmens ankurbeln und somit das Kapital steigern – oder eben nicht.

Kursbewegungen oft automatisch eingepreist

„Indexfonds verstärken Trends“ ist ebenso ein häufig vorgebrachter Vorwurf gegenüber passiven Investments. Damit ist gemeint, dass Indexfonds Markttrends folgen und somit in einer Hausse Aktien kaufen, wenn diese bereits einen höheren Kurs haben und in einer Baisse Aktien verkaufen, deren Kurse bereits im Fall sind.

Durch dieses Verhalten sollen ETFs angeblich Kursbewegungen und folglich auch Bären- sowie Bullenmärkte erheblich verstärken.

Gerald Klein sagt:

„Diese Argumentation ist von ihrer Logik her zwar durchaus nachvollziehbar, trifft in der Realität allerdings nur selten zu.“

Grund hierfür ist, dass ein ETF nicht unbedingt Aktien nachkaufen muss, wenn der Börsenwert einer Aktie steigt. In vielen Fällen findet nämlich eine automatische Gewichtung statt: Der Anteil einer Aktie im ETF steigt automatisch sobald eine Aktie an Wert gewinnt, somit muss sie nicht nachgekauft werden. Preisveränderungen von Aktien werden somit oftmals bei einer Gewichtung nach Marktkapitalisierung durch den Preis vollends reflektiert. Nur in wenigen Fällen funktioniert diese automatische Anpassung nicht. Zum Beispiel, wenn alle Aktien in einem Index gleichgewichtet sind oder wenn eine Aktie einen Index wechselt.

Asset Manager sind keine Banken

Die wohl schwerwiegendste vorgetragene Sorge lautet jedoch, dass die mögliche Pleite von größeren ETF-Anbietern, etwa ausgelöst durch einen Börsencrash, das Finanzsystem destabilisieren könnte. Diese Annahme ist wohl darauf zurückzuführen, dass einige Banken in der Vergangenheit in Finanzkrisen verwickelt waren, oder diese gar auslösten.

Wenn große ETF-Anbieter in Schwierigkeiten gerieten, so die Überlegung, könnte das Finanzsystem ebenfalls Schaden nehmen. Bei dem Argument gibt es allerdings einen Denkfehler: ETF-Anbieter sind Asset Manager und können nicht mit Banken gleichgesetzt werden. Bei einem Börsencrash würden die ETF-Anbieter nicht zwangsläufig funktionsunfähig werden. Die Kundengelder, die ETF-Anbieter verwahren, würden eventuell dezimiert, der Anbieter selbst würde jedoch nur Einnahmen aus der Verwaltungsgebühr einbüßen. Das führt jedoch nicht automatisch in die Pleite.

Zudem vergeben Asset Manager keine Kredite. Hier stehen sie im Gegensatz zu Banken, die Kundeneinlagen nutzen, um Kredite zu vergeben, welche in Krisen ausfallen können. Der Absturz oder die mögliche Aufspaltung eines ETF-Anbieters hätte auf die gesamtwirtschaftliche Kreditvergabe jedoch wenig Einfluss. Dies gilt im Übrigen auch für die Anbieter von aktiv gemanagten Fonds.

Aktiv und passiv haben Daseinsberechtigung

Gerald Klein meint:

„Das generelle verteufeln von ETFs ist eine Übertreibung, die häufig von konkurrierenden aktiven Investmenthäusern geäußert wird. Beide Investmentformen haben aber ihre Daseins-Berechtigung.“

Während der Vorteil des ETFs darin liegt, dass es sich immer konstant so gut wie der zugehörige Markt entwickelt und kostengünstig ist, können aktive Investmentfonds auf informationsineffizienten Märkten punkten.

Generell gilt: Je spezieller ein Thema und je weniger zur Verfügung stehende Informationen in den Börsenkursen eingepreist sind, desto sinnvoller ist ein aktiver Ansatz. Grund dafür ist, dass aktive Investmentmanager mit tiefgehendem Research auch in stagnierenden Märkten einzelne Unternehmen mit Potenzial identifizieren und in diese investieren können. Das kann ein ETF, der auf einen ganzen Markt investiert, nicht. Auch wenn Investoren eine spezielle ethische oder ökologische Richtung verfolgen wollen, eignet sich ein aktiver Ansatz, bei dem auf Individualbedürfnisse dieser Art eingegangen werden kann.

Gerald Klein dazu:

„Doch trotz der Möglichkeit aufgrund von Research besonders attraktive Unternehmen herauszupicken, schaffen es in zehn Jahren nur 2,2 Prozent der aktiv gemanagten Investmentfonds ihren Vergleichsindex schlagen.“

Bild: © gearstd / fotolia.com

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