Bereits 2011 begann Unisters Ende

Veröffentlichung: 17.08.2016, 13:08 Uhr - Lesezeit 6 Minuten

Meldungen und Recherchen des Wirtschaftsmagazins Capital zufolge, war das Imperium des tödlich verunglückten Unister-Gründers Thomas Wagner bereits vor fünf Jahren in Schieflage geraten. Denn damals untersagte Google dem Leipziger Web-Pionier endgültig eine langjährig umgesetzte Werbepraxis, die bis dahin etliche Millionen Euro in dessen Kassen gespült hatte.

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Seit diesem Zeitpunkt kämpfte Wagners Internet-Unternehmen bei seiner teuren Expansion wohl mit einer angespannten Finanzlage. Dies berichtet das Wirtschaftsmagazin 'Capital' in seiner Ausgabe 09/2016, EVT 18 und beruft sich dabei auf Aussagen ehemaliger Unister-Manager und die Auswertung hunderter Seiten Schriftverkehr zwischen beiden Unternehmen.

Ein Ex-Manager sagte 'Capital':

"Das war der Anfang vom Ende Unisters."

Mehr als eine Million Euro im Monat

Die internen Dokumente, die 'Capital' vorliegen, belegen, dass Unister bis zum Jahr 2011 weitreichende Geschäfte mittels der sogenannten Google-Arbitrage gemacht hat. Unister schaltete Anzeigen bei Google, um User auf seine unzähligen Seiten wie geld.de oder auto.de zu locken. Dort fand der Nutzer allerdings nicht das, was er suchte, beispielsweise eine günstige Waschmaschine oder ein rabattiertes Zugticket. Stattdessen wurden ihm weitere Werbebanner angezeigt, über die er sich zum eigentlichen Angebot durchklicken musste.

Die unzähligen Unister-Domains leiteten die Kunden einfach weiter - und wurden damit zu lukrativen Ertragsquellen: Die Anzeigen-Erlöse von Unister bei Drittanbietern waren höher als das, was das Unternehmen selbst an Google zahlte. In Spitzenzeiten blieben"unterm Strich mehr als eine Million Euro im Monat hängen", sagte ein ehemaliger Top-Manager von Unister dem Magazin.

Unister hätte "suspendiert" werden müssen

Nach 'Capital'-Informationen hat Google sich diese Masche jahrelang gefallen lassen, obwohl sie eklatant gegen die eigene Policy verstoßen habe. Doch am 5. April 2011 schickte ein Manager aus der Europa-Zentrale unter der Betreffzeile "Unister AdWords Policy Violations Notice" eine Mail an Wagner, in der Google detailliert die zahllosen Brüche der Geschäftsbedingungen durch Unister auflistet. Der Suchmaschinen-Konzern habe für Unister aufgrund "besonderer Umstände" bereits eine "Ausnahme" gemacht. Eigentlich hätte Unister längst "suspendiert" werden müssen. Nach der Warnung lenkte Wagner ein und stoppte das Arbitrage-Geschäft.

Ein Ex-Manager sagte:

"Damit versiegte praktisch von heute auf morgen eine der wichtigsten Liquiditätsquellen."

In der Folge des Konflikts mit Google begann Unister, andere Erlösquellen anzuzapfen, um die weggebrochenen Einnahmen auszugleichen. Dazu zählten auch rechtlich umstrittene Praktiken wie der Vertrieb von Zusatzprodukten, die an Reiseversicherungen erinnern, und irreführende Werbung durch fiktive "Streichpreise" auf den Unister-Reiseportalen. Diese Praktiken führten letztlich zu den Ermittlungen der Generalstaatsanwaltschaft Dresden und der Razzia in der Unister-Zentrale im Dezember 2012.

Der Link zur HanseMerkur

Im Juni 2012 wurde die HVP Hanse Vertriebspartner AG gegründet. Diese ist "auf den Erwerb sowie die partnerschaftliche Betreuung und Verwaltung von Beteiligungen an Vertriebsgesellschaften sowie vertriebsnahen Dienstleistungen spezialisiert“. Es ist kein Geheimnis, dass zwei äußerst profitable Vertriebsstrategien damit verfolgt wurden: Abverkauf von Brillenversicherungen (über Fielmann) und Reiseschutz über das Leipziger Unternehmen Unister. Mittlerweile ist bekannt, dass der Hamburger Versicherer das Internet-Unternehmen mit einem millionenschweren Darlehen gestützt hat.

Wenn den Berichten zufolge Unister bereits seit fünf Jahren, also seit 2011 zu kämpfen hatte, floss das Investment der HanseMerkur in ein Unternehmen, das bereits damals auf sehr wackeligen Beinen stand. Und wäre möglicherweise gerade deshalb auch ein günstiger Übernahmekandidat gewesen, hätten sich nicht im Herbst 2015 völlig neue Entwicklungen und damit eine andere Konstellation ergeben. Immerhin lehnte der Versicherer aus Hamburg den Deal mit geld.de ab. Geplant gewesen wäre eine Verrechnung des Kaufpreises mit der millionenschweren Finanzhilfe der HanseMerkur an Unister.

Viele ungeklärte Fragen und Spekulationen. Die Antworten darauf bleiben weiterhin offen.

Bild: © Gajus / fotolia.com

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