Anständig und nachhaltig Geld verdienen

Wenn es um Nachhaltigkeit geht, denken die meisten Menschen in erster Linie an Natur und Umwelt, biologische Vielfalt, Ressourceneffizienz, erneuerbare Energien, Klimaschutz, fairer Handel und globale Gerechtigkeit. Dass diese Themen auch beim Geld eine Rolle spielen, scheint nicht so offensichtlich. Dabei ist Geld Treibstoff und Schmiermittel der Wirtschaft. Mit Geld wird bewegt, zum Guten oder zum Schlechten.

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cms.mbfpt.x Ingo Scheulen, Finanz- und Versicherungsmakler Ökologische Finanzdienstleistungen e. K.

Die Finanzkrise seit 2008 sollte zu einigen Einsichten geführt haben. Die unersättliche Jagd nach Profit und Extraprofit kann uns alle in den Ruin führen. Sie gefährdet die Grundlagen unseres Lebens und den sozialen Frieden. Das ist keine wirklich neue Erkenntnis. Sie wird jedoch gern immer wieder verdrängt. Bankenkrise, Staatsverschuldung, Null-Zinsen, betrügerische Manipulationen an der Londoner Zinsbörse oder bei VW, Wetten auf Kurse, Belohnungen für erfolgreiche und erfolglose Manager – es geht immer so weiter. In der Vergangenheit waren ethische, ökologische und soziale Belange in der Geldanlage eher ein Randthema, mit denen sich nur wenige Akteure eingehender befasst haben. Rentabilität, Verfügbarkeit und Risikostreuung standen im Vordergrund. Dies ist heute bei den meisten immer noch so. Aber es beginnt sich zu ändern.

Wer macht was mit wessen Geld?

Wenn Korruption, Geldwäsche, Umweltkatastrophen oder kriegerische Konflikte in die Schlagzeilen geraten, werden vielleicht auch Sie nachdenklich. Hat mein Geld oder das mir von Kunden anvertraute Vermögen irgendwie etwas damit zu tun? Skandale und Großunfälle sind immer nur die Spitze der Eisberge. Stichworte zur Erinnerung:

  • 2010: BP Deepwater Horizon – Ölkatastrophe im Golf von Mexiko
  • 2011: Fukushima – Kernschmelzen im Atomkraftwerk nach Erdbeben und Tsunami mit Dauerfolgen
  • 2011: Libor-Skandal – Verabredung von elf Großbanken zur Zinsmanipulation
  • 2013: Bangladesh – Einsturz des Fabrikgebäudes mit über 1.100 toten Textilarbeiterinnen
  • 2015: Rio Doce (Brasilien) – Schwermetalle vergiften nach Dammbruch 500 km Flusslandschaft für 100 Jahre

Viele „Sünden“ sind nicht so spektakulär und gehören anscheinend zum Alltag des globalen Kapitalismus. Sie erreichen oft nicht die Nachrichten oder werden als Kollateralschäden hingenommen.

Zunehmend fragen institutionelle Investoren wie Pensionskassen und Stiftungen, aber auch Privatanleger danach, was eigentlich mit ihrem Geld geschieht. Dabei muss man feststellen, dass sich viele Vermögensverwalter und Fondsmanager bisher gar nicht oder nur sehr oberflächlich damit befassen. Allzu oft wird argumentiert, man dürfe durch strenge ethische Vorgaben sein Anlageuniversum nicht zu sehr einschränken. Ohnedies ginge eine konsequente Verfolgung von Aspekten der Nachhaltigkeit zulasten der Rendite.

Inzwischen ist nachweisbar, dass die Beachtung ökologischer, sozialer und ethischer Kriterien keineswegs geringere Erträge beschert. Im Gegenteil, die Nichtbeachtung solcher Gesichtspunkte
erhöht die Anlagerisiken, mindestens auf lange Sicht, manchmal auch schon früher (VW, Deutsche Bank, RWE u. a. m.). Viele sogenannte Blue Chips haben Aktionären, also auch Fondsanlegern, in den letzten Jahren schwere Vermögensverluste beschert.

Gier frisst Ansehen

Die blanke Gier nach Superprofiten erhöht nicht nur die möglichen und tatsächlichen Kosten (Beseitigung von Umweltschäden, Strafzahlungen wegen Korruption). Der Markenwert kann sinken durch Verlust an Reputation.

Davon können immer mehr Unternehmen ein Lied mit vielen Strophen singen: VW, Deutsche Bank, RWE, KiK u. a. m. Mehr und umfassender als jemals in der Geschichte beeinflusst der Umgang mit Geld unsere Gegenwart und unsere weitere Zukunft. Die Ressourcen dieser Erde sind bekanntlich nicht unerschöpflich. Berechnet man allein die wesentlichen Rohstoffe, die wir dem Boden, dem Wasser und der Natur entnehmen, so verbrauchen die 7,4 Milliarden Menschen derzeit 1,6 Planeten. Das heißt, irgend - wann ist Schluss.

ökofinanz-21: Mit Geld bewegen.

Unter diesem Motto stand die Frühjahrstagung 2016 von ökofinanz-21, dem Netzwerk für nachhaltige Vermögensberatung. Die 30 Finanzberater*innen haben sich zusammengefunden, um sich darüber regelmäßig in Workshops und online auszutauschen. Denn wir meinen, dass das Nachdenken über Werte kein „Nice-to-have“ ist, mit dem sich das Image aufhübschen lässt. Es ist ein „Must-have“. Wir von ökofinanz-21 fordern, dass die oben angerissenen Fragen unverzichtbarer, d. h. integraler Bestandteil werden in der Ausbildung zum Geld experten – sei es als Versicherungsmakler*in, Finanzberater* in, Banker oder was auch immer.

Von den verantwortlichen Politikern, den Verbraucherschützern und den Verbänden der Finanzwirtschaft erwarten wir, dass sie dies verbindlich regeln. Solange sollten Sie nicht warten. Unsere Kunden und Man danten erwarten nicht erst seit heute eine ganzheitliche Finanzberatung. Vermittler, die nur die harten Finanzdaten im Blick haben, machen aus unserer Sicht Beratungsfehler. Fachleute aus verschiedenen Bereichen geben uns für unsere strategische Ausrichtung und für die tägliche Arbeit wertvolle Impulse.

Ein Beispiel aus jüngerer Zeit: Die Frauen der kleinen Nichtregierungsorganisation urgewald e. V. haben uns eindrucksvoll davon berichtet, wie sie in hartnäckiger Lobbyarbeit den norwegischen Pensionsfonds (mit über 820 Milliarden Euro der weltweit größte Staatsfonds) davon überzeugt haben, plan mäßig aus der klimaschädlichen Kohleverbrennung auszusteigen.
Dieses Divestment hat inzwischen andere zum Umdenken veranlasst: Allianz, AXA, Pensionsfonds in UK, den Niederlanden, USA und anderswo.

Nachhaltigkeit ist mehr als „öko“

Manche wenden ein, der Begriff Nachhaltigkeit sei doch beliebig. Ist das so? Fragen Sie Ihre Kunden, was ihnen im Leben wichtig ist, und was sie auf keinen Fall mit ihrem Geld unterstützen
möchten. So erfahren Sie eine Menge für die Erstellung eines Anlegerprofils. Sprechen Sie mit Ihren Kunden über ihre Werte, Wünsche und Pläne. Wenn Sie bzw. Ihre Kunden Kinder haben, sollte es selbstverständlich sein, über den Tag hinaus zu denken. Dies hilft Ihnen mehr bei der Beratung der passenden Finanzprodukte, als wenn sie nur Renditeerwartung und Risikoeinschätzung abfragen.

Darf es ein bisschen Gentechnik sein? Oder Kinderarbeit, ein bisschen wenigstens? Kann man Waffenhandel generell ausschließen? Sind Automobilhersteller positiv zu bewerten, wenn sie niedrige CO2-Werte nachweisen oder Elektromobile bauen? Muss man soziale und Umweltkriterien bis in die Zulieferkette beachten oder nicht? Sind Anleihen von Staaten erlaubt, in denen die Todesstrafe gilt und Menschenrechte systematisch missachtet werden? Trägt das Investment dazu bei, den Klimawandel zu verschärfen oder etwas dagegen zu unternehmen?

Tools und Know-how für Berater

Niemand erwartet, dass jeder zum Umwelt-, Sozial- und Wirtschaftsexperten wird. Es gibt aber Tools, die bei der Vorsortierung und Orientierung helfen. Mitglieder unseres Netzwerks haben die Entwicklung einer Matrix für nachhaltige Investmentfonds angestoßen. Bis heute sind 194 Fonds gelistet. Die Nachhaltigkeitsprofile sind online frei verfügbar beim Dachverband Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG). Im nächsten Schritt wurde Ende 2015 das FNG-Nachhaltigkeitssiegel auf den Markt gebracht. Jedes Siegel hat unvermeidlich Unschärfen, es ist aber ein Beitrag zu mehr Transparenz und Glaubwürdigkeit.

Die Welt ist komplex und im globalen Umbruch. Verbraucher fühlen sich zunehmend verunsichert, nicht nur in Sachen Geld, Vorsorge und Vermögen. Wir vom Netzwerk ökofinanz-21 verstehen uns als Lotsen, damit die Rat suchenden Kundinnen und Kunden die passende werthaltige Lösung finden. Wir laden alle beratenden Kolleginnen und Kollegen ein, uns kennenzulernen und sich in die Debatte einzubringen.

Bild: (1) © pogonici / fotolia.com (2) © Info Scheulen ökofinanz-21 e. V.

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