Unionsrecht : keine pauschale Steuer für ausländische Investmentfonds

Veröffentlichung: 22.02.2016, 11:02 Uhr - Lesezeit 4 Minuten

Der BFH hat entschieden, dass in Deutschland ansässige Anleger, die in Investmentfonds mit Sitz in den USA investiert haben, eine pauschale Ermittlung der steuerpflichtigen Kapitalerträge aus diesen Fonds nach § 6 InvStG vermeiden können.

(PDF)
boerseAmerikaBroker-101771470-FO-rawpixelboerseAmerikaBroker-101771470-FO-rawpixel

In- und ausländische Investmentfonds haben gemäß § 5 Abs. 1 InvStG gesetzlich vorgegebene Pflichtangaben zu veröffentlichen. Kommt der Fonds dem nicht nach, muss der inländische Anleger seine steuerpflichtigen Einkünfte aus dem Fonds nach § 6 InvStG pauschal ermitteln. Er hat dann grundsätzlich die Ausschüttungen auf die Investmentanteile und einen Zwischengewinn sowie 70 Prozent des Mehrbetrags anzusetzen, der sich zwischen dem ersten im Kalenderjahr festgesetzten Rücknahmepreis und dem letzten im Kalenderjahr festgesetzten Rücknahmepreis eines Investmentanteils ergibt. Mindestens muss der Anleger Erträge in Höhe von 6 Prozent des letzten im Kalenderjahr festgesetzten Rücknahmepreises für den Investmentanteil ansetzen.

Der BFH sah in seiner Entscheidung die Voraussetzungen für eine pauschale Ermittlung der Erträge gemäß § 6 InvStG aus den US-Investmentfonds der Revisionsklägerin nicht als erfüllt an. Grundlage ist hierfür das Urteil des EuGH in der Rechtssache van Caster und van Caster vom 09.10.2014 (C-326/12). Danach darf ein inländischer Anleger mit Investmentanteilen an einem Fonds mit Sitz im EU-/EWR-Ausland die Pflichtangaben gemäß § 5 Abs. 1 InvStG selbst machen, um die Pauschalbesteuerung seiner Erträge gemäß § 6 InvStG abzuwehren.

Nach dem Urteil des BFH gilt dies nun auch – entgegen einem Schreiben des BMF vom 28.07.2015 (BStBl I 2015, 610) – für inländische Anleger, die Investmentanteile an einem Investmentfonds mit Sitz in den USA halten. Der BFH hat die Entscheidung der Vorinstanz aufgehoben und den Streitfall an diese zurückverwiesen, damit die Revisionsklägerin die Gelegenheit hat, die gesetzlichen Pflichtangaben selbst vorzulegen.

Für inländische Anleger, die Investmentanteile an einem Fonds mit Sitz in einem Drittstaat halten, kann nach Auffassung des BFH die Pauschalbesteuerung gemäß § 6 InvStG nunmehr durch eine individuelle Nachweisführung vermieden werden, wenn der inländischen Finanzverwaltung aufgrund eines Doppelbesteuerungsabkommens Deutschlands mit dem Sitzstaat des Fonds oder aufgrund einer anderen Rechtsgrundlage ein Auskunftsanspruch gegen die ausländische Finanzverwaltung zusteht, der es ermöglicht, die Angaben des Steuerpflichtigen zu den Besteuerungsgrundlagen des ausländischen Fonds zu verifizieren.

Der BFH hat schließlich bestätigt, dass der Nachweis zu den Pflichtangaben gemäß § 5 Abs. 1 InvStG durch den inländischen Anleger so zu führen ist, wie die Finanzverwaltung es im BMF-Schreiben v. 28.07.2015 (BStBl I 2015, 610) vorgegeben hat. Erleichterungen zu Gunsten der Steuerpflichtigen in Form einer Schätzung der Besteuerungsgrundlagen des Fonds sind nur in einem engen Rahmen zulässig.

Bild: © rawpixel / fotolia.com

(PDF)

LESEN SIE AUCH

Der BFH lehnt den Betriebsausgabenabzug für insolvenzrechtliche Ausgleichszahlungen ab – mit weitreichenden Folgen für Selbständige in der Sanierung.Der BFH lehnt den Betriebsausgabenabzug für insolvenzrechtliche Ausgleichszahlungen ab – mit weitreichenden Folgen für Selbständige in der Sanierung.Experten
Steuern

Der BFH verschärft die Trennung zwischen Insolvenzrecht und Steuerrecht

Der BFH entscheidet, dass Ausgleichszahlungen selbständiger Insolvenzschuldner an die Insolvenzmasse steuerlich nicht abzugsfähig sind. Das Urteil verschärft die Trennung zwischen betrieblicher Einkünfteerzielung und insolvenzrechtlicher Vermögensverwendung.
Der BFH verschärft die Regeln für häusliche Arbeitszimmer: Ohne laufende und getrennte Dokumentation der Kosten entfällt der Betriebsausgabenabzug vollständig.Der BFH verschärft die Regeln für häusliche Arbeitszimmer: Ohne laufende und getrennte Dokumentation der Kosten entfällt der Betriebsausgabenabzug vollständig.Experten
Steuern

Das häusliche Arbeitszimmer wird zur Dokumentationsfalle

Der BFH verlangt für häusliche Arbeitszimmer eine laufende und getrennte Aufzeichnung aller Kosten. Fehlende Dokumentation führt zum Verlust des Betriebsausgabenabzugs.
Bundesfinanzhof RichterbankBundesfinanzhof RichterbankBundesfinanzhof/Andreas Focke
Steuern

Wenn Liquidation nicht gleich Liquidationsgewinn ist

Der BFH entscheidet: Operative Gewinne aus der Zeit vor der Liquidation bleiben bei Ausschüttungen an EU-Muttergesellschaften vollständig quellensteuerfrei. Das Urteil VIII R 8/24 begrenzt die steuerliche Reichweite von Liquidationsausschüttungen im europäischen Konzernsteuerrecht.
Der BFH verschiebt die gewerbesteuerliche Betrachtung weg vom einzelnen Mietvertrag hin zur wirtschaftlichen Funktion angemieteter Infrastruktur. Das könnte viele Dienstleistungsmodelle steuerlich verändern.Der BFH verschiebt die gewerbesteuerliche Betrachtung weg vom einzelnen Mietvertrag hin zur wirtschaftlichen Funktion angemieteter Infrastruktur. Das könnte viele Dienstleistungsmodelle steuerlich verändern.Experten
Steuern

BFH präzisiert gewerbesteuerliche Hinzurechnung bei Hotelzimmermieten

Der BFH stellt klar, wann angemietete Hotelzimmer zum fiktiven Anlagevermögen zählen und damit die Gewerbesteuer erhöhen können. Die funktionale Bedeutung angemieteter Infrastruktur rückt stärker in den Mittelpunkt der Gewerbesteuer.

Unsere Themen im Überblick

Informieren Sie sich über aktuelle Entwicklungen und Hintergründe aus zentralen Bereichen der Branche.

Themenwelt

Praxisnahe Beiträge zu zentralen Themen rund um Vorsorge, Sicherheit und Alltag.

Wirtschaft

Analysen, Meldungen und Hintergründe zu nationalen und internationalen Wirtschaftsthemen.

Management

Strategien, Tools und Trends für erfolgreiche Unternehmensführung.

Recht

Wichtige Urteile, Gesetzesänderungen und rechtliche Hintergründe im Überblick.

Finanzen

Neuigkeiten zu Märkten, Unternehmen und Produkten aus der Finanzwelt.

Assekuranz

Aktuelle Entwicklungen, Produkte und Unternehmensnews aus der Versicherungsbranche.

Die neue Ausgabe kostenlos im Kiosk

Werfen Sie einen Blick in die aktuelle Ausgabe und überzeugen Sie sich selbst vom ExpertenReport. Spannende Titelstories, fundierte Analysen und hochwertige Gestaltung – unser Magazin gibt es auch digital im Kiosk.

"Nicht laut, aber immer noch relevant"
Ausgabe 05/26

"Nicht laut, aber immer noch relevant"

Wibke Becker - Generalbevollmächtigte & Leiterin Maklervertrieb - Continentale - Mannheimer - EUROPA
"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."
Ausgabe 03/26

"Ein kurzfristiges Strohfeuer machen wir nicht mit."

Frank Kettnaker und Christian Pape - Vorstand ALH Gruppe
"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."
Ausgabe 10/25

"Viele Eltern unterschätzen die finanziellen Folgen, wenn ihr Kind berufsunfähig wird."

Jens Göhner, Leiter Produktmanagement der Stuttgarter
"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"
Ausgabe 07/25

"Unabhängigkeit hat viele Gesichter"

Was bedeutet Unabhängigkeit im Versicherungsvertrieb wirklich?
"Das Gesamtpaket muss stimmen"
Ausgabe 05/25

"Das Gesamtpaket muss stimmen"

Bernd Einmold & Sascha Bassir
Kostenlos

Alle Ausgaben entdecken

Blättern Sie durch unser digitales Archiv im Kiosk und lesen Sie alle bisherigen Ausgaben des ExpertenReports. Zur Kiosk-Übersicht