Schwaches Wachstum, steigende Insolvenzen – deutsche Wirtschaft unter Druck

Veröffentlichung: 07.04.2025, 12:04 Uhr - Lesezeit 4 Minuten

Steigende Insolvenzen, neue US-Zölle, hohe Standortkosten: Atradius analysiert die größten Risiken für die deutsche Wirtschaft – und zeigt, wo Chancen liegen.

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Inflation, Energie-Preise und US-Zölle: Die deutsche Wirtschaft steht massiv unter Druck (Symbolbild).Inflation, Energie-Preise und US-Zölle: Die deutsche Wirtschaft steht massiv unter Druck (Symbolbild).DALL-E

Die wirtschaftliche Lage in Deutschland bleibt angespannt. Der internationale Kreditversicherer Atradius erwartet für 2025 ein schwieriges Jahr mit wachsendem Insolvenzdruck, steigenden Kosten und zunehmender Handelsunsicherheit. Zugleich könnten staatliche Investitionen und Reformen langfristig Stabilität bringen – sofern die Politik konkrete Maßnahmen nachliefert.

Deutschland hat europaweit mit die höchsten Steuer-, Lohn- und Energiekosten. So liegt die Körperschaftsteuer um 40 Prozent über dem EU-Durchschnitt, die Arbeitskosten bei 41,3 Euro – rund ein Drittel mehr als im EU-Schnitt. Energie ist nur in Italien teurer. Diese Faktoren belasten vor allem die Industrie und führen zu sinkender Produktion sowie wachsendem Risiko von Zahlungsausfällen.

„Die strukturellen Probleme belasten die deutsche Wirtschaft massiv und haben zur Folge, dass das Risiko unerwarteter Zahlungsausfälle zunimmt“, sagt Dietmar Gerke, Senior Manager Special Risk Management bei Atradius.
Zudem droht durch die neuen US-Zölle auf EU-Waren eine weitere Verschärfung. Die Erhöhung auf 20 Prozent betrifft besonders exportstarke Sektoren wie Maschinenbau, Elektronik und Automobilindustrie. „Der verschärfte Handelskonflikt mit den USA führt zu erheblichen wirtschaftlichen Unsicherheiten“, warnt Gerke. Die Folge könnten weitere Exporteinbußen und Insolvenzen sein.

Insolvenzen steigen – besonders bei größeren Unternehmen

Schon 2024 überschritt die Zahl der Unternehmensinsolvenzen mit rund 22.000 das Vor-Corona-Niveau. Besonders auffällig: Der Anstieg bei Unternehmen mit mehr als 20 Mio. Euro Umsatz. Noch alarmierender ist der starke Anstieg der Forderungsausfälle – von 15 Mrd. Euro (2022) auf über 50 Mrd. Euro (2024). Die Eigenverwaltungsquote sinkt deutlich.
Drei Branchen stehen besonders unter Druck:

  • Maschinen- und Anlagenbau: Zwei Drittel der Unternehmen blicken pessimistisch in die Zukunft.
  • Bauindustrie: Rückgang der Investitionen um 3,3 Prozent in 2024, weitere -0,9 Prozent erwartet.
  • Automobilbranche: Produktion weiter rückläufig (2024: 4,1 Mio. Fahrzeuge, 2011: 5,9 Mio.).

Reformen als Hoffnungsträger – aber mit Unwägbarkeiten

Die geplante Lockerung der Schuldenbremse durch CDU/CSU und SPD könnte bis 2027 rund 1,5 Billionen Euro in die Wirtschaft pumpen. Das BIP könnte dadurch ab 2025 wieder steigen. Zudem sind steuerliche Entlastungen und stabile Energiekosten angekündigt. „Diese Maßnahmen könnten die Konjunktur ab 2026 potenziell stabilisieren. Allerdings fehlen bei einigen Maßnahmen noch die konkreten Vorschläge seitens der Politik“, so Gerke.

Empfehlungen für Unternehmen: Risiken aktiv managen

Atradius empfiehlt ein engmaschiges Risiko-Monitoring, den Einsatz von Frühwarnsystemen und flexiblen Absicherungslösungen wie Factoring. „Unternehmen, die proaktiv handeln, ihre Risiken managen und sich strategisch aufstellen, können gestärkt aus der Krise hervorgehen“, betont Gerke.

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