Mit ESG-Transparenz zu nachhaltigem Erfolg

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Nachhaltigkeit kostet Geld, bringt nichts und ist ohnehin nur ein Marketing-Gag. Was aber, wenn es nicht so ist? Was, wenn sich hinter dem sogenannten Hype um Umwelt und Sozialstandards, um verantwortungsvolles Wirtschaften und Transparenz echte Wettbewerbsvorteile und Finanzierungsangebote für Investitionen verbergen? Was, wenn sich mithilfe von ESG-Frameworks und -Standards frühzeitig erkennen lässt, an welchen Stellen im eigenen Betrieb Herausforderungen auftauchen könnten?

Ein Beitrag von Christian Walter, Gründer und CEO des Start-up SedaiNow.

Christian Walter, Gründer und CEO, SedaiNow

Schließlich prophezeien Ökonomen seit geraumer Zeit, dass sich bald auch kleine und mittlere Unternehmen Fragen zu ihren ökologischen und sozialen Prinzipien stellen müssen. Mit dem deutschen Lieferkettengesetz, das ab 2023 zunächst für Unternehmen mit mehr als 3.000 Mitarbeitenden in Kraft tritt, ist bereits ein Anfang gemacht. In Zukunft müssen aber auch kleinere Betriebe entlang der Supply Chain bei ihren Lieferanten die Einhaltung sozialer und ökologischer Mindeststandards überprüfen und sich selbst überprüfen lassen – nicht zuletzt, weil aktuell auch die EU an strengen Richtlinien für die Sorgfaltspflicht von Unternehmen im Bereich Nachhaltigkeit arbeitet. Mit einem grünen Marketinganstrich ist es dabei nicht getan. Ein neues Modell für Corporate Behaviour muss her, das auf Transparenz setzt und so den Schlüssel zum Erfolg bildet.

Sich ins Glashaus setzen

Durch die demokratisierende Wirkung des Internets und den Druck der Straße, der Medien und anderer Interessenvertreter steht das traditionelle Top-down-Kommunikationsmodell Kopf. Zuhauf tummeln sich in den sozialen Medien geschäftliche Belange neben Produktneuheiten und Alltäglichem aus dem Unternehmen. Selbst große Namen wie Jonathan Schwartz, Mark Cuban oder David Neelemann entschuldigen sich online.

Was aber ist mit den aktuellen ökologischen, sozialen und gesellschaftlichen Herausforderungen? Wie mit vermeintlichen Makeln? Was ist mit der echten Umweltbelastung bei der Herstellung von Fast Fashion? Wo finden sich die Berichte über das Sicherheitsniveau in Raffinerien von Mineralölkonzernen? Welchen Beitrag leisten Fast-Food-Ketten zum Übergewicht von Kindern? Wie viel Kinderarbeit steckt in der Tafel Schokolade, im Auto oder im Mobiltelefon?

So blankzuziehen, steht oft im Widerspruch mit konventionellen Geschäftspraktiken. Radikale Offenheit zu praktizieren, könnte schließlich den gefürchteten Shitstorm, Reputationsverluste oder schlimmstenfalls eine existenzielle Krise nach sich ziehen. Trotzdem entscheiden sich immer mehr Unternehmen von IBM bis Timberland für einen Umzug ins Glashaus, wollen verantwortungsvoll wirtschaften und machen Transparenz zu ihrer neuen Kernkompetenz.

Wege aus dem Dickicht

Ein erster Schritt in Richtung Transparenz ist ein entschlossenes Audit verschiedener Geschäftsbereiche. Ähnlich wie bei Lifecycle-Analysen eines Produkts geht es dabei zunächst darum, eigene Strukturen offenzulegen, zu hinterfragen, systematisch Informationen über alle Bereiche zu sammeln, um im nächsten Step den Einfluss der Geschäfte auf Klima, Menschenrechte, Energie, Wasser oder die Gemeinschaft vor Ort zu beziffern. Der Grundgedanke, der dahintersteckt: Nur wer seine Zahlen kennt und dabei eine nachhaltige Unternehmensstrategie verfolgt, hat einen Ausgangspunkt für Optimierung, eine Chance auf Innovation und die Möglichkeit, selbst Kritiker zu Kreativpartnern im Sinne einer Lösungsfindung zu machen.

Hinzu kommt, dass durch einen so offenen Umgang mit den Auswirkungen des eigenen Handelns auf Umwelt und Gesellschaft Glaubwürdigkeit und Vertrauen – bei Mitarbeitern ebenso wie bei Geschäftspartnern und Kunden – wächst. Transparenz und nachhaltiges Wirtschaften sind aber nicht nur imagefördernd im Sinne einer Marketingstrategie. Auch in der Finanzwelt ist der Megatrend „Sustainability“ omnipräsent. Wer also nicht allein aus Überzeugung oder durch den Druck von außen Offenheit, Nachhaltigkeit und Verantwortung praktiziert, findet Anreize möglicherweise auf finanzieller Seite.

Da viele Banken und institutionelle Anleger Nachhaltigkeitskennzahlen in ihre Finanzierungsprozesse inkludiert haben, profitieren ethisch-ökologisch handelnde Unternehmen etwa von einem einfacheren Zugang zu frischem Kapital. Und selbst auf gesetzlicher Ebene sind weitere Regulierungen zu erwarten. Mit dem „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) erfährt die bisherige EU-Richtlinie zur CSR-Berichterstattung „Non-Financial Reporting Directive“ (NFRD) voraussichtlich ab Januar 2024 ein Update, das den Kreis der berichtspflichtigen Unternehmen deutlich ausweitet und neue verbindliche europäische Berichtsstandards einführt.

People, Planet und Profit?

Alle, die nun früh handeln wollen und darüber nachdenken, kristalline Strukturen aufzubauen, stolpern zwangsläufig über die Frage, wie sie daraus einen Business Case machen, Kritiker überzeugen und Fürsprecher gewinnen. Eine Möglichkeit, sich als Unternehmen entsprechend aufzustellen und alle Facetten abzudecken, bildet die Orientierung an sogenannten ESG-Kriterien. Die Abkürzung steht dabei für Environment, Social, Governance und umfasst die Bereiche Umwelt, Gesellschaft und Unternehmensführung.

Für jedes dieser drei Themenfelder existieren bereits jetzt nachprüfbare Kriterien und Standards, die Aufschluss über die Ausrichtung einer Organisation geben und ein Reporting möglich machen. Zwar existiert hier aktuell noch keine einheitlich anerkannte Form der Berichterstattung, die der Gesetzgeber vorschreibt, es kommen jedoch sogenannte Frameworks ins Spiel, die eine Art Leitfaden darstellen, anhand derer sich Nachhaltigkeitsberichte strukturieren lassen.

Welche Frameworks für eine Organisation besonders relevant sind und in welchem Umfang sie Anwendung finden, muss individuell geprüft werden. Dabei lohnt sich immer ein zweiter Blick, denn mittlerweile gibt es eine Vielzahl von unterschiedlichen Frameworks, die die jeweilige Unternehmensrealität allerdings nur zum Teil abdecken können. Hier kann es zweckdienlich sein, externe Dienstleister ins Boot zu holen. Diese Experten unterstützen Unternehmen nicht nur bei der Auswahl von Frameworks sowie bei der Datenerfassung, sondern auch in der Auswertung und der zielgruppenspezifischen Aufbereitung des Reportings.

Bild (2): © Günther Schwering für SedaiNow