Die Deutschen sind krank. Oder sie melden sich krank. Oder sie fühlen sich so, als sollten sie sich mal krankmelden dürfen. Irgendwo dazwischen liegt der neue Normalzustand.
Friedrich Merz hat ihn erkannt. Der Bundeskanzler sieht Anzeichen einer neuen Volkskrankheit: der telefonischen Arbeitsunfähigkeit. Ein Virus, das nicht den Körper, sondern das Leistungsprinzip befällt. Merz fragt sich, ob es noch Anreize braucht, morgens aufzustehen. Die Arbeitgeber nicken beifällig. Der DGB schüttelt den Kopf.
Symptom: Stabil hoher Krankenstand. Diagnose: Systemische Reizung.
Der Krankenstand liegt bei 5,4 Prozent. Das klingt viel. Jeden Tag sind im Schnitt 54 von 1.000 Beschäftigten nicht im Büro – weder real noch remote. 19,5 Kalendertage im Jahr fehlen sie. Die Politik spricht von „Kosten“ (82 Milliarden Euro), nicht von Ursachen. Doch auch das Kranksein hat sich verändert.
Psychische Erkrankungen steigen seit Jahren – Depressionen, Erschöpfung, Angst. Atemwegserkrankungen sind zurück, Rücken- und Muskelprobleme ohnehin ein Dauerbrenner. Wer fehlt, ist nicht faul, sondern oft überfordert. Arbeitsverdichtung, Fachkräftemangel, Dauererreichbarkeit – Belastung wird zur Pathologie. Der Körper sagt nein, wenn der Kalender ja schreit.
Wandel der Krankmeldung
Seit 2022 reicht es, wenn sich der Arbeitnehmer beim Arbeitgeber krankmeldet. Die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wird nicht mehr persönlich vorgelegt, sondern vom Arzt direkt an die Krankenkasse übermittelt. Der Arbeitgeber muss sie dort aktiv abrufen.
Telefonische Krankschreibung: Fluchttür oder Fürsorge?
0,9 Prozent aller Krankmeldungen kommen per Telefon. Ein Bruchteil. Doch was klein ist, kann symbolisch groß wirken. In diesem Fall: als Indikator für ein schleichendes Misstrauen gegenüber dem Arbeitswillen. Wer heute hustet, ruft an – und bleibt im Pyjama. Das sei bequem, sagen Kritiker. Das sei vernünftig, sagen Patienten. Die Wahrheit liegt wohl im Immunsystem des Vertrauens.
Paranoia mit Attest
Man sollte nicht vergessen: Die Paranoia, sich im Wartezimmer anzustecken, wurde in den letzten Jahren systematisch trainiert. Kontaktvermeidung war Pflicht, Isolation ein Akt der Solidarität. Wer heute beim Arzt anruft, handelt oft aus demselben Reflex wie gestern beim Testzentrum: Bloß niemanden gefährden. Was einst staatsbürgerlich war, gilt jetzt als Arbeitsverweigerung. Die Konditionierung bleibt – das Misstrauen kommt hinzu.
Diagnose Ich-Zentrierung?
Vielleicht ist es auch eine neue Kultur, die da heranwächst: das In-sich-Reinhorchen, das ständige Scannen nach Störungen, die eigene Erschöpfung als Leitsystem. Was einst als Achtsamkeit begann, wird zur Betriebsbremse, wenn jede Befindlichkeit sofort systemrelevant wird.
In der Theorie klingt das gesund. In der Praxis stellt es ein Problem: Denn wer seine eigenen Grenzen ständig ins Zentrum rückt, rückt zwangsläufig die Ansprüche anderer an den Rand. Für eine soziale Marktwirtschaft ist das schwer verträglich – sie lebt vom Gleichgewicht aus Rücksicht und Belastbarkeit. Und nicht davon, wer zuerst „Stopp“ sagt.
Produktivität als Verdachtsmoment
Vielleicht ist der eigentliche Schmerzpunkt nicht der Krankenstand, sondern die Idee, dass nicht alle gleich belastbar sind. Die Angst der Tüchtigen vor den Taktikern. Der Spagat zwischen Leistungsethos und Erschöpfungsgesellschaft. Zwischen Präsenzpflicht und Flexibilitätsversprechen. Und die Ahnung, dass die Grenze zwischen „nicht arbeiten können“ und „nicht mehr arbeiten wollen“ politisch vermint ist.
Oder, wie es ein kluger Arzt sagen würde: Erstmal Ruhe. Dann Diagnose.
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