Wladimir Simonov: „Jedes Hochwasser offenbart die Missstände in der Versicherungsbranche aufs Neue“

Wladimir Simonov ist seit über 15 Jahren Versicherungsmakler und heute als Berater für Finanzberater aktiv. Für ihn steht fest: In den kommenden Monaten werden wieder viele Menschen von ihrer Versicherung bitterlich enttäuscht werden. Was sich in der Branche dringend ändern muss und warum jetzt der richtige Zeitpunkt zum Umdenken ist, erklärt er in diesem Artikel.

In der Versicherungsbranche wird beraten, was das Zeug hält, oft genug ohne Sinn und Verstand. Viele Versicherungsvertreter haben nichts anderes als ihre persönliche Provision für den Vertragsabschluss im Kopf, da wird auch mal geflunkert oder nicht die ganze Wahrheit gesagt, Hauptsache der nervige Kunde unterschreibt endlich.

Genau das muss sich grundsätzlich ändern. Es ist dringend geboten, dass Versicherungsvermittler eine andere, fundiertere Ausbildung & Schulung mit einem weiten Blick aufs Ganze erhalten. Das macht die aktuelle Flutkastratrophe mehr als deutlich.

Das Hauptfach dabei müsste Versicherungsethik heißen

Wenn es den Versicherungsnehmern finanziell gut geht, weil ihre Schäden tatsächlich in jedem Einzelfall zufriedenstellend reguliert werden, dann geht es auch der Versicherungsbranche und jedem einzelnen Mitarbeiter finanziell gut. Diesen Merksatz sollte sich erst einmal jeder als Regel Nummer 1 notieren.

Es kann und darf nicht sein, dass eben schnell Verträge abgeschlossen werden, die dem Kunden gar nichts nützen, aber dafür beim „unfähigen“ Versicherungsvermittler die Boni durch die Decke schießen lassen.

Zwar stellt sich das Maß an Solidarität bei der deutschen Bevölkerung immer wieder als hoch erfreulich heraus, aber dass bei jeder Katastrophe so viel gespendet wird, dass wirklich jeder Geschädigte ausreichend versorgt werden kann, darauf sollten wir uns auf keinen Fall verlassen. Das ist auch nicht selbstverständlich.

Im jetzt vorliegenden Fall der Flutschäden in Bayern, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen haben die Betroffenen insofern noch etwas Glück im Unglück, weil sich die Politiker und ihre Parteien im Wahlkampf befinden und sogar etwas brauchen, womit sie sich profilieren können.

Die Krux mit der Elementarschadenversicherung

Ja, es ist etwas teurer, wenn die Regulierung von Elementarschäden in die Versicherungsleistung integriert werden soll. Viele Menschen müssen mit dem spitzen Bleistift kalkulieren und entscheiden sich daher lieber für die etwas günstigere Versicherungsvariante ohne diesen Einschluss.

Doch mit günstig hat das gar nichts zu tun, denn schwere Sturzfluten, plötzlich hochdrückendes Grundwasser oder Wirbelstürme können allenthalben in jeder Region Deutschlands auftreten, Tendenz steigend.

So jedenfalls weisen es die Statistiken der verschiedenen Versicherungsunternehmen eindeutig aus.

Insofern wäre es ethisch vertretbar, überhaupt nur noch Versicherungen mit Elementarschutz zu verkaufen. Auch wenn das so noch nicht ins Gesetz geschrieben ist, kann schon heute jeder einzelne Vermittler mit seiner ganzen Kraft und persönlichem Einsatz darauf hinarbeiten, die Versicherungsnehmer von dieser Notwendigkeit zu überzeugen.

Kaum etwas ist unangenehmer, als einem Menschen, der alles verloren hat, sagen zu müssen: Es tut mir leid, Sie haben es leider versäumt, in ihrem Antrag auch noch das Kästchen oben links anzukreuzen, daher können wir Ihnen jetzt keinen einzigen Cent auszahlen.

Im Übrigen muss die betroffene Familie ja während der zum Teil monatelangen Aufräum- und Sanierungsmaßnahmen irgendwo leben. Sogar diese erheblichen Unterbringungskosten werden durch die Elementarschadenversicherung übernommen.

Ehrlicherweise sollte dazu bemerkt werden, dass das Argument der Versicherungsgesellschaften nicht so ganz von der Hand zu weisen ist: Denjenigen gegenüber, die sich für den Abschluss einer Elementarschadenversicherung entschieden haben, wäre es wohl etwas ungerecht, diejenigen zu entschädigen, die sich beim Abschluss ihrer Gebäudeversicherung um diese zusätzlichen Beiträge gedrückt haben.

Dies gilt im Grunde genommen auch für Spenden oder staatliche Hilfen.

Um Letztere überflüssig zu machen und solche unnötigen, leidigen Diskussionen oder Vorwürfe und vor allem die verständliche große Enttäuschung derjenigen, die auf ihrem großen Schaden sitzen gelassen werden, erst gar nicht aufkommen zu lassen, plädiere ich für eine grundsätzliche, gesetzlich vorgeschriebene Einbeziehung der Elementarschäden in jede Gebäudeversicherung.

Gegebenenfalls tariflich durch ein Opt-Out-Tarif, bei dem man sich aktiv dagegen entscheiden und diesen abwählen muss.

Versicherungsvermittler sollen endlich einen guten Job machen

Doch vielleicht endlich klare gesetzliche Vorgaben kommen, liegt es in der Hand der Versicherungsvermittler, ihre Kunden optimal zu beraten und es gegebenenfalls abzulehnen, eine lückenhafte Versicherung zu verkaufen, die den Versicherungsnehmern am Ende nichts nützt. Ein solches Verhalten wäre zugleich eine vertrauensbildende Maßnahme für die Versicherungsbranche insgesamt.

Dies erfordert aber seitens der Ausbildung einen neuen Ansatz für das Fachwissen einschließlich Psychologie und vor allem endlich eine Berufsethik, die von Fairness geprägt ist.

Wir sollten immer bedenken, dass Schäden, die nicht reguliert werden, der Versicherungsbranche insgesamt ein ganz schlechtes Image bescheren, was nicht zuletzt den Arbeitsplatz des Versicherungsvermittlers gefährdet.

Außerdem ist jeder Euro an Entschädigung auch ein Marketing-Euro für ein besseres Image des jeweiligen Vermittlers, der jeweiligen Gesellschaft und der Branche an sich. Mir ist eh absolut schleierhaft wie sich eine Branche, die jährlich über 160 Milliarden Euro an ihre Kunden auszahlt, ein Image als „zahlungsunwillig“ erarbeiten konnte…

Es ist Zeit, das Image gemeinsam mal zum Positiven zu verändern! Ein Beitrag von Wladimir Simonov über news aktuell.

 

Bild: © Wladimir Simonov

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