Die Versicherungsbranche in drei Jahren: mehr künstliche Intelligenz und Cloud Computing

Nur rund jeder vierte Entscheider in der Versicherungswirtschaft in Deutschland geht davon aus, dass sich die Branche in den kommenden drei Jahren signifikant besser als die Gesamtwirtschaft entwickeln wird. Das ist eines der Ergebnisse der Studie „Branchenkompass Insurance 2019“ von Sopra Steria Consulting.

Neben Regulierungen und niedrigen Zinsen, die das Geschäft erschweren, binden in sieben von zehn Unternehmen zudem Maßnahmen für mehr Datensicherheit und Datenschutz viele Ressourcen. Impulse für neues Wachstum versprechen sich die Versicherer und Vermittler durch mehr Automatisierung und Digitalisierung.

Kleinere Versicherer pessimistischer

Bei Versicherungen mit bis zu 500 Mitarbeitern zeigen sich die Entscheider pessimistischer beim Blick in die Zukunft. Das liegt vor allem an den hohen Bürokratiekosten für die Umsetzung von EU-Regularien. Die großen Unternehmen können die fixen Kosten, die Solvency II, die DSGVO und der Bilanzierungsstandard IFRS 17 auslösen, besser über die Masse an Verträgen und Mitarbeiter verteilen als Versicherer mit weniger Bestand und Personal.

Automatische Anpassungen an Regulierungen durch Cloud

Dem Thema Solvency II will sich die EU-Kommission im Jahr 2020 widmen, so dass sich hieraus für die Versicherer mittelfristig Entlastungen ergeben. Für zusätzliche Vereinfachungen wollen die Versicherer selbst sorgen, in dem sie die Kosten für künftige regulatorische Anpassungen durch Investitionen in Cloud-Lösungen an die Anbieter auszulagern. 31 Prozent versprechen sich mit der Maßnahme automatische Anpassungen an Regulierungen.

Selbstbewusste Branche

43 Prozent der Unternehmen halten sich für technologisch und organisatorisch besser gewappnet als ihre direkten Wettbewerber. Zwölf Prozent sehen sich in einer schwächeren Position. Vermittler sind hier etwas zurückhaltender als ihre Produktgeber. Von ihnen sagen nur 32 Prozent, besser als ihre Wettbewerber zu sein, 18 Prozent schätzen sich als schwächer ein. Sie befürchten vor allem, dass sie sukzessive durch Onlineplattformen und Insurtechs ersetzt werden. Insgesamt betrachten 59 Prozent der Versicherer und Vermittler Insurtechs als ernste Bedrohung im Kampf um Marktanteile.

Ideenlosigkeit bei neuen Impulsen

Wenn es um Wachstumsimpulse geht entwickelt die Branche wenig Neues. So bleiben auf der Einnahmenseite viele Versicherer ihren etablierten Strategien treu: Für 76 Prozent ist das Gewinnen neuer Kunden immer noch das Hauptstandbein für Wachstum. Aber immerhin fokussieren sich 67 Prozent der befragten Versicherer parallel verstärkt auf Cross-Selling-Strategien mit Stammkunden.

Christian Diemaier, Leiter des Geschäftsbereichs Insurance von Sopra Steria Consulting, sagt:

„Die Differenzierung gegenüber Wettbewerbern findet in der Versicherungsbranche noch stark über den Preis statt, besonders bei Sachversicherungen. Damit ist praktisch jeder Versicherer gezwungen, Organisation und Prozesse akribisch nach Einsparpotenzialen abzusuchen. Kunden honorieren allerdings auch schnelle und fundierte Beratung über diverse Kanäle sowie Produkte, die sich ihrer Lebenssituation ständig anpassen. Diesen Wachstumspfad mit loyalen Kunden sollten mehr Assekuranzen stärker verfolgen.“

Investitionen in Automatisierung und Digitalisierung

Für weniger Kosten und mehr Kundenzufriedenheit stehen branchenweit Investitionen in Automatisierung, Digitalisierung und Kooperationen auf der Agenda. Aus Sicht von 61 Prozent der befragten Entscheider sollte das eigene Unternehmen eine technologische Vorreiterrolle anstreben. Zentrale Hebel sind Robotic Process Automation, Beratung mit Unterstützung von Chatbots, Bekämpfung von Versicherungsbetrug mithilfe Künstlicher Intelligenz sowie Cloud Computing.

Mehr als die Hälfte der Unternehmen plant mit durchgehend digitalen Prozessen mehr direkte Onlineabschlüsse zu ermöglichen und die Schaden-Kosten-Quoten massiv senken. Maßstab im Schadenmanagement sind digitale Versicherer wie One, die bis zu 60 Prozent aller Schäden in Echtzeit und vollautomatisch regulieren.

63 Prozent der Versicherungsmanager sehen große Chancen, mit dem Umstieg auf eine IT-Landschaft aus der Cloud Wachstumsimpulse im Vertrieb zu setzen. Jeder vierte Versicherer möchte mit dieser Maßnahme künftig schneller und einfacher modulare Baukastenprodukte für Kunden anbieten und gewachsene Spartenstrukturen überwinden. Nur vier von zehn Versicherungsunternehmen halten die Zusammenarbeit mit Insurtechs für nützlich, bei den Vermittlern spricht sich jeder vierte für Partnerschaften aus.

Vertrieb 2022: keine Komplettdigitalisierung

Mit Blick auf die kommenden drei Geschäftsjahre sehen die befragten Versicherungsführungskräfte einen Rückgang der Vermittlerzahlen zugunsten des Direktgeschäfts über Onlinekanäle. Aber drei Viertel der Befragten rechnet nicht mit einem Ende der persönlichen Beratung, sondern mit einem Hybridansatz.

Berater werden für viele Versicherungsprodukte unverzichtbar bleiben, aber künftig bei der Anbahnung von Geschäft deutlich stärker als bislang durch Technologien wie Künstliche Intelligenz unterstützt werden. Selbst rein digitale Versicherer setzen auf die Nähe zu erfahrenen Vertriebsexperten. Neodigital und Wefox bieten beispielsweise digitale Sachversicherungen über Makler an. Wefox unterstützt Makler darüber hinaus mit einem digitalen Backoffice.

Christian Diemaier dazu:

„Wir werden erleben, wie die Versicherer mit ihrer Markenbekanntheit, Makler und Vermittler mit ihrem Vertriebs-Know-how sowie Insurtechs mit ihrer technischen Innovationsstärke deutlich enger zusammenrücken.“

 

Bild: © Alphaspirit / fotolia.com

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