Finanzmärkte: Stress heute weitaus niedriger als 2008

Auch wenn einige Experten vor einer neuen Finanzkrise warnen, ist die Situation heute nicht mit der vor zehn Jahren vergleichbar, denn der „Stress“ an den Finanzmärkten ist weitaus niedriger. Das zeigt ein vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung entwickelter Frühwarnindikator.

Als die Investmentbank Lehman Brothers Pleite ging, war dies der Beginn der größten Finanz- und Wirtschaftskrise seit den 1930er-Jahren. 10 Jahre danach stellen sich Experten die Fragen: Wie groß ist die Gefahr, dass sich eine solche Krise wiederholt? Und sind Ökonomen heute – anders als vor zehn Jahren – in der Lage, einen Crash besser vorherzusagen?

Stressindikator als Frühwarnsystem

Das IMK hat einen Indikator entwickelt, der Verunsicherung und Volatilität, kurz den „Stress“, an den Finanzmärkten misst und damit als Frühwarnsystem für aufkommende Gefahren dient.

Dieser fasst 30 verschieden gewichtete Zeitreihen von Finanzmarktdaten zusammen wie zum Beispiel Aktienkurse, Immobilienpreise sowie Risikoprämien von Anleihen oder Kreditausfallversicherungen. Jede einzelne dieser Variablen sei zwar für sich genommen von begrenzter Aussagekraft, schreiben die IMK-Ökonomen. Gebündelt ließen sich daraus jedoch „belastbare Aussagen für die Wahrscheinlichkeit von Finanzmarktkrisen gewinnen“. In den IMK-Finanzmarktstressindikator fließen Echtzeitdaten ein, sodass er stets ein aktuelles Bild der Lage an den Märkten darstellt. Mithilfe zurückliegender Daten ist es auch möglich, den Stressindikator für frühere Jahre zu berechnen und so in die Vergangenheit zu blicken.

Derzeit keine beunruhigenden Signale

Aktuell sendet der Indikator – verglichen mit den Monaten vor der Lehman-Pleite – keine beunruhigenden Signale: Trotz der von den USA geführten Handelskonflikte pendelt das Stressniveau derzeit auf einer Skala von 0 bis 1 um einen Wert von 0,2. Dagegen lag es bereits im Winter 2007/2008 bei etwa 0,4 und stieg dann rasch an.

Nach Ansicht der IMK-Experten zeigt das, dass die von Politik, Zentralbanken und Regulierungsbehörden nach der Finanzkrise ergriffenen Maßnahmen die Märkte sicherer gemacht haben.

Allerdings ist die Regulierung noch nicht vollständig umgesetzt worden. In den USA wird sie teilweise sogar wieder zurückgenommen. Und in Europa kommt der Aufbau eines sicheren Finanzsystems nur schleppend voran.

Stressindikator rückblickend betrachtet

Im Rückblick fällt auf, dass bereits für November 2007 der IMK-Stressindikator einen Ausschlag nach oben zeigt. Spätestens ab Februar 2008 hätte sich dann der drohende Crash deutlich abgezeichnet. Den vorläufigen Höchststand erreichte der Stressindikator im September, dem Monat der Lehman-Pleite.

Keine generelle Entwarnung

Verglichen damit befinden sich die Finanzmärkte heute „in sehr ruhigem Fahrwasser“. Es gibt keinerlei Anzeichen für erhöhten Stress. Aber laut den Ökonomen sei dies kein Grund für eine generelle Entwarnung, denn es sei nicht ausgeschlossen, dass bisher unbemerkt neue Gefahren entstehen. Sollten sich daraus erste Anzeichen für Unruhe an den Finanzmärkten entwickeln, wird man diese am IMK-Stressindikator ablesen können.

 

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