Abschläge auf die Frührente sind besser als Nullrunden

Die Rente ist sicher – nur die Höhe ist ungewiss. Um das Rentensystem nachhaltig zu stabilisieren, müssen neue Wege eingeschlagen werden. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) zeigt in einer aktuellen Studie, dass ein Automatismus in der Rentenanpassungsformel zu pauschalen Rentenkürzungen führen würde und deswegen Abschläge auf die Frührente zu bevorzugen seien.

Wer vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter in Rente geht, muss Abschläge zahlen. Die Höhe der Abschläge wird politisch festgelegt und kann ein Instrument sein, das tatsächliche Renteneintrittsalter zu beeinflussen. Denn Abschläge auf die Frührente setzen starke Anreize für einen späteren Renteneintritt und könnten damit einen wesentlichen Beitrag zur Stabilisierung des deutschen Rentensystems leisten.

Sonderregelungen für gesundheitlich beeinträchtigte Personen

Abschläge sind zudem schonender als pauschale Rentenkürzungen, da sie bei gleichen fiskalischen Gewinnen mit wesentlich geringeren individuellen Einkommensverlusten verbunden sind. Eine solche Reform müsste jedoch berücksichtigen, dass erwerbsunfähige oder erwerbsgeminderte Personen nicht die Möglichkeit haben, länger zu arbeiten. Damit sich Abschläge für diese Personengruppe nicht wie reine Rentenkürzungen auswirken, sollten hier Sonderregelungen gelten.

Dazu DIW-Rentenexperte Holger Lüthen:

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass eine Erhöhung der derzeitigen Abschläge zu einer weiteren Erhöhung der Lebensarbeitszeit führen würde, wenn man diese Abschläge nicht gleichzeitig wieder durch Maßnahmen wie die 2014 eingeführte abschlagsfreie Rente mit 63 konterkariert.“

Bei Finanzierungsdruck sei politisches Handeln gefragt, und Anreize für einen späteren Renteneintritt seien möglichen Nullrunden vorzuziehen.

Über die Hälfte der Bevölkerung geht vorzeitig in Rente

Das deutsche Rentensystem steht vor einem demografischen Problem. Einer wachsenden Zahl von Rentnern und Rentnerinnen stehen immer weniger Beitragszahlende gegenüber. Insbesondere der bevorstehende Renteneintritt der sogenannten Babyboomer-Generation gefährdet die finanzielle Stabilität des umlagefinanzierten Rentensystems. Bereits innerhalb der letzten Jahrzehnte wurden die Renten spürbar gesenkt und die Beitragssätze kräftig angehoben. Nun sieht der aktuelle Koalitionsvertrag vor, die Renten bis 2025 auf dem heutigen Niveau von 48 Prozent und die Beiträge bei 20 Prozent zu sichern. Angesichts dessen ist der finanzielle Spielraum sehr eingeschränkt.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten, diesem Problem zu begegnen: Entweder man transferiert weitere Steuermittel in das System, oder man verlängert die Lebensarbeitszeit. Ohne weitere Reformen aber kommt es in Deutschland aufgrund der Alterung der Bevölkerung durch die Rentenanpassungsformel automatisch wieder zu Nullrunden – also realen Rentenkürzungen, wie bereits Anfang dieses Jahrhunderts geschehen.

Abschläge verlängern Lebensarbeitszeit automatisch

Schon in der Vergangenheit hat man mit Abschlägen auf den vorzeitigen Renteneintritt gute Erfahrungen gemacht. So müssen Personen, die vor dem gesetzlichen Renteneintrittsalter in Rente gehen wollen, dafür pro Monat Abschläge auf ihre Rente in Höhe von 0,3 Prozent hinnehmen.

Wie die Analyse von Holger Lüthen, Daniel Kemptner (DIW Berlin) und Timm Bönke (Freie Universität Berlin) anhand von Simulationen auf Basis von Daten der deutschen Rentenversicherung zeigt, verschoben die untersuchten Personen daraufhin ihren Renteneintritt um durchschnittlich vier Monate nach hinten. Dadurch konnten sie ihre individuellen Verluste an Renteneinkommen mit durchschnittlich 38 Euro pro Monat vergleichsweise gering halten. Berücksichtigt man zusätzlich – mittels eines ökonomischen Models – die aufgrund der Rentenverschiebung entgangene Freizeit, so entspricht der Einkommensverlust insgesamt etwa 3.500 Euro.

Auf der anderen Seite ergaben sich daraus für die öffentlichen Kassen Gewinne in Höhe von etwa 18.000 Euro pro Kopf, die sich aus niedrigeren Rentenzahlungen, zusätzlichen Beiträgen sowie zusätzlichen Steuerzahlungen und sonstigen Sozialversicherungsbeiträgen zusammensetzen. Die Summe entspricht ungefähr acht Prozent des Wertes der durchschnittlichen Rentenanwartschaften der betrachteten Personen. Da etwa 86 Prozent dieser Gewinne direkt der Rentenkasse zugutekommen, stellt dies einen deutlichen Beitrag zur finanziellen Stabilität des Rentensystems dar.

Pauschale Rentenkürzung hat weniger Gewicht

Im Falle von pauschalen Rentenkürzungen haben die Betroffenen einen weitaus geringeren Anreiz, ihren Rentenzugang zu verschieben. Im Ergebnis steigt das Rentenzugangsalter im Schnitt nur um etwa einen halben Monat. Für die gleichen öffentlichen Nettogewinne von 18.300 Euro pro Person, wie sie bei einem 0,3-prozentigen Abschlag für einen Monat Frührente anfallen, ist deshalb eine pauschale Rentenkürzung von etwa sieben Prozent notwendig. Dies führt zu einem individuellen Rentenverlust von monatlich etwa 100 Euro beziehungsweise einschließlich des Verlusts an Freizeit insgesamt etwa 8.000 Euro.

Abschläge auf die Frührente sind besser als Nullrunden

 

Bilder: (1) © zinkevych / fotolia.com (2) © DIW Berlin