Finanzmarktrisiken 2018: Wann kommt der nächste Crash?

Sind die aktuellen Börsenturbulenzen Vorboten größerer Risiken? Bereits zehn Jahre nach der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise scheint das Problem der Deregulierung bereits in Vergessenheit geraten zu sein. Zu beobachten ist derzeit, dass sinnvolle Regelungen nur halbherzig umgesetzt werden – oder gar drohen, aufgeweicht zu werden.

Der Finanzmarktstabilitätsreport des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung fokussiert den neuen Deregulierungswettlauf, deutsche Immobilienkredite und Lücken bei der Derivatesicherung und zeigt die brennendsten Finanzmarktrisiken 2018 auf.

Der kurzsichtige Deregulierungskurs

Die IMK-Finanzmarktfachleute Dr. Thomas Theobald und Dr. Silke Tober sehen den „kurzsichtigen Deregulierungskurs“ von US-Präsident Donald Trump mit Sorge, aber auch Europa halten sie noch nicht für stabil: Obwohl das Volumen notleidender Kredite insbesondere bei italienischen Banken sinkt, seien die Systemrisiken noch beträchtlich, zumal es weiterhin keine europäische Einlagensicherung gibt. Deutsche Banken könnten bei steigenden Zinsen unter Druck geraten, weil sie viele Immobilienkredite vergeben haben, die niedrige Zinsen über sehr lange Zeiträume festschreiben.

Anleger auf Renditesuche geben ihr Geld verstärkt an Investmentfonds, die nicht selten in Unternehmensanleihen mit nicht unerheblichem Ausfallrisiko bei steigenden Zinsen investieren. Beim Derivatehandel weisen nach Analyse der Experten unbedingt notwendige Sicherheitsstrukturen Lücken auf. Hinzu kommen neue Herausforderungen durch Kryptowährungen wie Bitcoin, auf die die Eurostaaten mit Vorbereitungen für einen digitalen Euro reagieren sollten, so die Forscher.

Risiko 1: Die USA im Fokus

Infolge der Finanzkrise wurden Banken umfängliche Regeln auferlegt. Geht es nach Trump, so sollen kleinere Banken wieder ohne jede Einschränkung auf eigene Rechnung spekulieren dürfen, für die Großbanken sollen Beschränkungen des Eigenhandels zumindest teilweise aufgehoben werden. Auch die verschärften Anforderungen an Eigenkapital und Liquidität sollen zum Teil gelockert werden.

Damit sollen Banken wieder ungehemmt Kredite vergeben, was die amerikanische Wirtschaft ankurbeln könnte.

Doch zentrale Erkenntnisse der Finanzmarktforschung werden dabei ignoriert, schreiben Theobald und Tober:

„Maßnahmen, die allein das Kreditwachstum anregen, ohne dass ihnen steigende Einkommen der Schuldner gegenüberstehen, erhöhen die Gefahr von Finanzmarktkrisen und damit von tiefen Rezessionen.“

Ein weiteres Risiko sehen die Ökonomen in der von Trump auf den Weg gebrachten Steuerreform, von der Unternehmer und Top-Verdiener am meisten profitieren. Nach Ansicht des IMK erhöhen die Steuererleichterungen für Reiche nicht nur die Ungleichheit im Land, sondern gefährden langfristig auch die Finanzmarktstabilität. Schließlich stünden „immer höheren Ersparnissen reicher Haushalte oft keine produktiven Investitionen gegenüber“. Das Geld fließe stattdessen in die Finanzmärkte, wo sich Vermögenspreisblasen bildeten.

Risiko 2: Die Zukunft ist rosa – oder doch nicht?

Viele Investoren lassen sich laut IMK von den Niedrigzinsen dazu verleiten, die Risiken vor allem bei Unternehmensanleihen nicht korrekt zu bepreisen. Dieses Risiko hat nach Analyse der Forscher ein erhebliches Volumen, weil Investmentfonds, die untereinander und mit Versicherungen und Pensionskassen verflochten sind, in den vergangenen Jahren stark in solche Anleihen investiert haben.

Unter diesen Bedingungen könne selbst eine vorsichtige Zinsänderung durch die Zentralbank für heftige Reaktionen an den Märkten sorgen, heißt es in dem Bericht.

Risiko 3: Intransparente Derivate

Der Handel mit Derivaten muss stärker reguliert werden. Davon waren Experten nach der Finanzkrise überzeugt. Vereinfacht gesagt handelt es sich bei Derivaten um Finanzprodukte, die es erlauben, auf die Entwicklung von Wertpapieren, Zinssätzen oder Wechselkursen zu wetten, ohne dass man den jeweils zu Grunde liegenden Vermögenswert selbst besitzt. Sie können der Absicherung dienen oder aber zum Spekulieren verleiten, weshalb sie von vielen Beobachtern als eine Art Brandbeschleuniger der Finanzkrise 2008 angesehen werden.

Hier bedarf es einer dringenden Weiterentwicklung der Regulierungsmechanismen, sind die Forscher überzeugt.

Risiko 4: Immobilienkredite auf dem Prüfstand

Die realen Immobilienpreise in Deutschland sind seit 2010 um mehr als 20 Prozent gestiegen, in den Großstädten sogar noch deutlich stärker. Die hohen Preise führen dazu, dass Hauskäufer höhere Kredite aufnehmen. Das Problem dabei ist nach der IMK-Analyse weniger die Verschuldung der privaten Haushalte in Deutschland, das Problem sind die Banken, die diese Kredite vergeben.

Sie gewähren Immobilienkäufern immer längere Zinsbindungen, um höhere Erträge zu erzielen. Der Anteil der neu vergebenen Wohnungsbaukredite mit einer Zinsbindung von mehr als zehn Jahren ist von 26 Prozent im Jahr 2010 auf 44 Prozent 2017 gestiegen. Doch sollten die Marktzinsen wieder steigen, dann müssten die Banken die langfristigen Kredite zu höheren Kosten refinanzieren, als sie durch die vergebenen Kredite einnehmen.

Risiko 5: Kryptowährungen außer Kontrolle?

Neue Technologien könnten die Finanzwelt revolutionieren. Die unter dem Begriff Fintech zusammengefassten Innovationen betreffen im Grunde alles, was mit Geld zu tun hat: Vom klassischen Bankgeschäft über neue Finanzierungsformen bis hin zu digitalen Währungen.

Vor allem die Kryptowährungen haben „das Potenzial, die Finanzmärkte und die Geldpolitik grundlegend zu verändern“, heißt es im IMK-Bericht. Seit gut zehn Jahren gibt es die auf der sogenannten Blockchain-Technologie basierende Digitalwährung Bitcoin. Sie wird dezentral in einem Rechnernetz generiert und verwaltet. Bitcoin kommen ohne Zentralbank aus und stellen damit einen Gegenentwurf zum staatlichen Geldsystem dar. Auch der Zahlungsverkehr funktioniert im Prinzip ohne Banken.

Mit einer Kapitalisierung von rund 830 Milliarden US-Dollar ist der Markt für Kryptowährungen weit entfernt von dem rund 1,3 Billionen US-Dollar großen Kreditvolumen im Subprime-Markt, der die Finanzkrise 2008 ausgelöst hat. Anders als im Falle der Subprime ist eine tiefe Verstrickung der Banken bisher nicht zu erkennen. In den nächsten Jahren könnte sich das aber ändern.

Da digitale Währungen eine Reihe von Vorteilen bieten, stelle sich laut IMK nicht die Frage, ob sie sich durchsetzen werden, sondern vielmehr, wer sie kontrolliert. Bei der weitgehend noch ausstehenden Regulierung müssen laut IMK drei Aspekte in Einklang gebracht werden:

  1. Die Risiken für die Stabilität des Finanzsystems müssen niedrig bleiben.
  2. Der erhöhte Nutzen – zum Beispiel in Form niedriger Gebühren – muss Verbrauchern zugutekommen.
  3. Das Recht der Bürger auf Privatsphäre muss gewahrt bleiben.

 

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