Ein Ariadnefaden im Labyrinth der Sehnsucht

In Gedenken an die Toten wandeln wir auf den Spuren der Lebenden: Die „Dead Rock Heads“ sind eine malerische Hommage an verstorbene Musiker aus Rock, Pop, Beat, Blues, Jazz, Punk etc. des norddeutschen Künstlers Ole Ohlendorff. Die Gemälde sind dabei so vielschichtig wie der Künstler selbst: Es ist eine Galerie der Gegenwart, die aus der Vergangenheit kommt und sich an die Zukunft richtet. Mit den Porträts erzählt Ole ein Stück Lebensgeschichte und schafft eine gänzlich unsentimentale Form der Erinnerungskultur.

Nachts kommen die Dämonen. Die Dämonen, die in der eigenen Seele wohnen. Träume und Albträume, düster und unheilschwanger vergraben sie sich im Unterbewussten, ergreifen Besitz und lassen uns tiefer, immer tiefer in die Abgründe der eigenen Seele fallen – ungekannte Abgründe, aus denen sie als Vision, als Kunstwerk enthusiastisch und voller Lebensfreude wieder erstehen.

Die ständige Auseinandersetzung zwischen dem, was ist und dem, was sein könnte, zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Leben und Sterben – das bestimmt unser aller Sein. In der Kunst bestimmt es das Werk so wie bei Ole sein malerisches Schaffen.

Dreifaltigkeit aus Sehnsucht, Musik und Malerei

Mit Dead Rock Heads hat der Hamburger Künstler eine Form der Erinnerungskultur geschaffen, die unter die Haut geht: Es ist eine Galerie der Gegenwart, die aus der Vergangenheit kommt und in die Zukunft blickt. Eine Dreifaltigkeit aus Sehnsucht, Musik und Malerei – irgendwie verwoben, surreal ineinandergeflossen und symbolträchtig auf Leinwand gebannt.

Für Ole sind Musik und Malerei Geschwister. Seine ständigen Begleiter und sein Ariadnefaden im Labyrinth der Sehnsucht. Wer schon einmal tief in die Abgründe der eigenen Seele geblickt hat, wird diesen außergewöhnlichen Künstler verstehen: Die Kunst ist sein Sprachrohr, das die Dämonen der Vergangenheit besiegt. Sein Ariadnefaden, der den Ausgang aus dem Dunkel weist und die anbrechende Dämmerung spiegelt, geprägt von seinen Wünschen und Träumen.

Kurt Cobain: “I swear I don’t have a gun”

Hamburg 1997: „I swear I don’t have a gun“ – Kurt Cobain entsteht.

Proportionen, Physiognomien, Perspektive, Licht und Schatten. Das ist Realität in Reinform – und doch … Zusammen ergeben sie ein surreales Spiel der absoluten Hingabe, des Glücks und auch der Verzweiflung: Das Bildnis des jung verstorbenen Curt Cobain ist von Schrotkugeln durchlöchert. Ole, der Ex-Polizist, der sich geschworen hatte, niemals wieder eine Schusswaffe zu tragen, nimmt sich eine Schrotflinte und schießt im Abstand von elf Metern eine Ladung Schrot auf das Gemälde.

Im ersten Moment mag das makaber wirken, erinnert man sich aber an Kurt Cobain, dann ist es bloße Kausalität. Im Nirvana-Song „Come as you are“ hatte dieser geschworen, er hätte kein Gewehr … 1993 erschießt er sich im Rausch mit einer Schrotflinte, denn „es ist besser auszubrennen als zu verblassen“.

Jedes Bild aus Oles Sammlung hat einen anderen Stil: Foto- und Neorealismus, Popart bis hin zum Surrealen. Bob Marley auf Hanfleinwand, Brian Conolly in Pixel-Technik, Bon Scott mit bunten Regenbogen-Streifen, Ray Charles mit Raufasertapete und Drogenbesteck. Ölfarben kombiniert mit Collagen aus Zeitungsartikeln oder Plattencovern, Stacheldraht und Herbstlaub …

Zeitreise in die Erinnerungswelt

So erzählen die Dead Rock Heads alle ihre eigene Geschichte: Aber es ist nicht nur eine Erinnerung an tote Legenden und die Anbetung ihrer Asche.

Die Gemälde erzählen ebenso von den Dämonen des Malers. Sie verweben die Sehnsucht und die Vergänglichkeit mit einer Zeitreise in die ganz persönliche Erinnerungswelt des Ole Ohlendorffs. Und das macht aus toten Legenden ein Denkmal für die Lebenden.

London 1996: das Mekka europäischer Rockmusik und John Lennon – Dead Rock Heads sind geboren.

„Musik trifft Malerei. Auf dem Pfad von Legenden. Eine Zeitreise. Die Spuren der Herkunft. Erinnern. Bewahren. Berührt sein.

Es geht nicht um Stars. Es geht um Leben. Um Identität. Um Vergänglichkeit. Um Musik. Um Tanz. Um Gefühle.

Es geht um Dich. Um mich. Um uns.

Und um das Weiterreichen des Feuers …“

Lebenswerk – nicht nur Dead Rock Heads

Verstorbene Musiker sind Oles Leidenschaft – allerdings nicht seine einzige. Darüber hinaus schuf er eine Porträtreihe mit lebenden Legenden wie Alice Cooper, Bob Dylan oder Iggy Pop. Und auch schon in den 80ern brachte er seine Zeit mit den Motorrad-Kumpels zu Papier. Außerdem malt er Abstraktes sowie Album-Cover.

Im Gronauer Rock- & Popmuseum lief Oles Ausstellung „Dead Rock Heads“ bis zum 17. August dieses Jahres, zuvor besuchte er mit einer Auswahl seiner Bilder inklusive einer Spende an die Wacken Foundation – ein Lemmy-Porträt – das bekannte Wacken Open Air. Die experten-Report-Redaktion hatte zuvor das Glück, seine Kunst auf der ARTMUC in München bestaunen zu können …

Mehr Nähe geht nicht: Ole Ohlendorff mit einem Fotogruß vom Rolling Stones Konzert in Hamburg. Nur 400 Meter von der Bühne entfernt …

Die Ausstellung wandert und ist mal hier und mal dort zu sehen. Die Dead Rock Heads können aber auch gebucht werden. Aktuell sind 140 Porträts zur Serie verfügbar – alle im gleichen Format von 80 cm x 130 cm (alle Originalgemälde noch in Künstlerbesitz).

Ausleihmodalitäten, Veranstaltungshinweise und nähere Informationen zum Künstler finden Interessierte auf der Homepage oder direkt über Ole Ohlendorff.

Von Claudia Meyer

 

Bilder: (1-5) © Ole Ohlendorff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.