Warum die Riester-Rente eine sinnvolle Vorsorge bleibt

In der parteipolitischen Diskussion ist die Riester-Rente zum Zankapfel geworden. Alternative Altersvorsorgemodelle erscheinen noch unausgereift. Gleichzeitig bestätigen wissenschaftliche Studien, dass die Riester-Rente auf dem richtigen Weg ist. Eines ist geblieben: die Verunsicherung der Verbraucher und auch der Vermittler. Sie fragen sich nicht zum ersten Mal, ob die Riester-Rente noch zukunftstauglich ist.

Wir haben die Diskussion über die Riester-Rente zum Anlass genommen, mit einem Experten für Abwicklungs- und Beratungsprozesse bei Riester-Verträgen zu sprechen. Gemeinsam mit ihm wollen wir rekapitulieren, wie es überhaupt zur Einführung der Riester-Rente kam, welche Erwartungen an die Rente geknüpft waren und warum sie immer wieder kritisiert wird. Natürlich blicken wir auch in die Zukunft und möchten wissen, welche Chancen Riester noch hat und inwieweit konzeptionelle Änderungen eingeleitet werden müssen.

Wir führen das Interview mit Martin Gattung. Er ist Gründer und Geschäftsführer der Aeiforia GmbH, einem Beratungshaus für Anbieter von Vorsorgeprodukten und deren Vertriebspartner.

Herr Gattung, lassen Sie uns an den Anfang zurückgehen. Was waren die ursächlichen Beweggründe für Riester?

Martin Gattung, Gründer und Geschäftsführer Aeiforia GmbH

Martin Gattung, Gründer und Geschäftsführer Aeiforia GmbH

Die Riester-Rente war eine von zwei Maßnahmen, die im Rahmen des Paradigmenwechsels von einer ausschließlich umlagefinanzierten Rentenabsicherung auf eine teilweise kapitalgedeckte Altersvorsorge umgesetzt werden sollten. Ziel dieser Änderung war es letztendlich, die umlagefinanzierte Rentenabsicherung für die zukünftige Generation bezahlbar zu machen und gleichzeitig das damit einhergehende sinkende Rentenniveau zum Teil auszugleichen.

Zum selben Zeitpunkt wurde auch die betriebliche Altersversorgung umfassend ausgebaut. Der damalige Gesetzesentwurf der Bundesregierung beschrieb das Problem folgendermaßen: „Die Geburtenzahl ist in Deutschland – vergleichbar mit der Entwicklung in anderen Industrieländern – seit drei Jahrzehnten rückläufig. Hinzu kommt die stete Steigerung der Lebenserwartung und damit eine Verlängerung der Rentenlaufzeiten. Ohne eine langfristig tragende und zukunftsweisende Reform der Alterssicherung würde der Beitragssatz zur Rentenversicherung daher auf 24 bis 26 Prozent steigen.“ (Bundestagsdrucksache 14/4595)

Da eine Reduzierung des Anstiegs des Beitragssatzes nur mit einer gleichzeitigen Reduzierung des Rentenniveaus – insbesondere für zukünftige Rentner – möglich ist, sollte diese Entwicklung durch den langfristigen Ausbau einer kapitalgedeckten Altersversorgung ausgeglichen werden. Aus diesem Denken ist 2002 neben der Verbesserung der bAV die Riester-Rente entstanden: eine vom Staat geförderte Rente, die Rentenkürzungen aufgreift.

Die Idee: Mit Riester die Rentenlücke schließen

Das möchten wir noch genauer wissen. Welche Erwartungen waren ganz konkret mit der Einführung der Riester-Rente verknüpft?

Die Riester-Rente war von Anfang an als eine langfristige Vorsorge angelegt. Nach 30 Jahren würden die eigenen Einzahlungen und die staatlichen Förderungen die erwarteten Rentenkürzungen ausgleichen.

Wichtigste Voraussetzung, um die Riester-Rente überhaupt zu erhalten, ist die Eigeninitiative. Das heißt, die Riester-Rente ist eine private und freiwillige Vorsorge, die vom Staat finanziell unterstützt wird. Es gibt heute drei Formen der Zulage: die Grundzulage (für jeden unmittelbar und mittelbar Zulageberechtigten), die erhöhte einmalige Grundzulage für Berufseinsteiger und die Kinderzulage. Um in den Genuss der Zulage zu gelangen, leistet der Versicherte eigene Einzahlungen. Der Eigenbeitrag des Versicherten betrug in den ersten Jahren mindestens ein Prozent seines sozialversicherungspflichtigen Einkommens. Ab 2004 mussten bereits zwei Prozent und ab 2006 drei Prozent des Bruttoeinkommens gespart werden. Seit 2008 sind es vier Prozent des sozialversicherungspflichtigen Einkommens, die jeder in den eigenen Riester-Vertrag einzahlen muss.

So wie sich die eigenen Einzahlungen erhöht haben, so sind auch die Zulagen gestiegen. Lag die Kinderzulage im Jahr 2002 bei 46 Euro, so liegt sie heute bei 185 Euro. Für die Kinder, die nach dem 31. Dezember 2007 geboren wurden, erhöht sich die Kinderzulage auf 300 Euro. Die Grundzulage ist von anfangs 38 Euro auf mittlerweile 154 Euro angehoben worden. Von diesen Zulagen profitieren insbesondere Arbeitnehmer mit niedrigem oder auch durchschnittlichem Einkommen sowie Frauen.

Mehr als die Hälfte der Zulagen entfällt auf Kinder. Besserverdienende und Beschäftigte ohne Kinder profitieren davon, dass die Aufwendungen steuerlich geltend gemacht werden können. Die Grundidee und die Entwicklung zeigen, dass die Erwartungen an die Riester-Rente stets in die Zukunft gerichtet waren und auch den Inflationsgedanken sowie das Wissen um weitere zukünftige Rentenkürzungen berücksichtigten. Nachbesserungen im Konzept erhöhten die Komplexität

Trotz dieser überaus positiven Grundidee zur Schließung von Versorgungslücken im Alter stand die Riester-Rente immer wieder in der Kritik. Es kam zu Nachbesserungen im Konzept, deren gesamte Wirkungen nicht klar waren.

Wie wichtig waren diese Nachbesserungen?

Wie bei vielen Neuentwicklungen so musste auch bei der Riester-Rente in der Praxis nachgearbeitet werden. Es stellte sich zum Beispiel schnell heraus, dass viele Riester-Kunden gar keinen Zulageantrag stellten. Sei es aus Unwissenheit oder weil ihnen der Aufwand zu groß war. Um die Zulage auf einfachem Wege zu erhalten, wurde die Möglichkeit einer Dauerzulagevollmacht geschaffen. Damit können Versicherte ihrem Riester-Anbieter auf unbegrenzte Zeit bzw. bis auf Widerruf die Vollmacht erteilen, die Zulage für ihren Riester-Vertrag bei der ZfA zu beantragen. Nur im Falle von Veränderungen, die sich auf die Höhe der Zulage auswirken, muss der Versicherte dem Anbieter entsprechende Informationen mitteilen. Dies sollte zum Beispiel bei einer Heirat oder Geburt eines Kindes, im Falle von Gehaltserhöhungen oder auch bei Arbeitslosigkeit, Scheidung oder Tod des Ehepartners geschehen.

Eine weitere wesentliche Nachbesserung bei der Riester- Rente war die Einführung der Wohn-Riester-Produkte. Damit wird der Erwerb oder der Umbau selbst genutzten Wohneigentums (zum Beispiel Eigenheim oder Eigentumswohnung) ebenfalls vom Staat gefördert.

Die Möglichkeit des Riester-Sparens gibt es nun seit 14 Jahren. Sehen wir uns Riester im Rückspiegel an: Was lief gut – was lief weniger gut?

Die Verbesserungen und Erweiterungen der Riester-Produkte sowie die Möglichkeiten der Anpassungen an die individuelle Situation haben die Verwaltung der Verträge sehr komplex gemacht. Das bedeutet für Anbieter von Riester-Produkten erhöhten Aufwand bei der Bestandsführung, was unweigerlich mit steigenden Kosten verbunden ist. Auch der Beratungsaufwand für die Vermittler bei Vertragsabschluss und bei der Unterstützung ihrer Kunden im Rahmen eines Zulageantrags und bei Folgeprozessen ist nicht zu unterschätzen.

In der Presse gerieten die Riester-Produkte im Laufe der Jahre immer wieder in Misskredit. Mangelnde Transparenz für den Verbraucher, schlechte Beratung und hohe Verwaltungskosten wurden angeprangert. Dazu kamen Aussagen, dass sich Riester für die Versicherten nicht lohnt. Insbesondere diejenigen, die am meisten von einem Riester-Vertrag profitieren können, nutzen diese Altersvorsorge zu wenig.

Jetzt sind die ersten Riester-Verträge zur Auszahlung gekommen. Nach etwa 10 bis 12 Beitragsjahren lassen sich die Versicherten, die jetzt in Rente gehen, ihre Riester-Rente auszahlen. Sie sind zum Teil enttäuscht; liegt die Höhe ihrer Rente doch weit unter ihren Erwartungen. Oftmals werden die Beträge als Kleinbetragsabfindung ausgezahlt. Auch die gesamte Zinssituation in Verbindung mit der Beitragsgarantie hat hier ihre Auswirkungen gezeigt. Hierbei muss natürlich bedacht werden, worin die ursprüngliche Idee der Riester-Rente bestand, nämlich darin, die aufgrund der Rentenkürzung entstandene Lücke zu schließen. Und wie bei allen Ansparprodukten gilt auch bei Riester: je mehr Beitragsjahre, desto höher die zukünftige Rentenzahlung.

Produktvielfalt erlaubt Verbrauchern, die passende Form des Riester-Sparens auszuwählen

Trotz dieser negativen Aspekte ist auch einiges gut gelaufen:

  • Die Vorteile des nachgebesserten Riester-Sparens liegen eindeutig in dem breiten Produktangebot, das den Verbrauchern heute zur Verfügung steht. Rentenversicherung, Banksparplan, Bausparvertrag (Wohn-Riester) und Fondspolicen stehen zur Auswahl.
  • Studien zeigen, dass gerade Personen, die neben dem Erhalt der eigenen Zulage noch eine Kinderzulage bekommen, einen besonders hohen staatlichen Zuschuss vorweisen.
  • Der korrekte Umgang mit dem Zulageantrag zeigt zudem, dass sich die Höhe der Zulage leicht an die individuelle Situation anpassen lässt.

Produktinformationsstelle Altersvorsorge und Produktinformationsblatt sorgen für mehr Transparenz

Wir haben unseren Lesern auch einen Blick nach vorn versprochen. Wie muss das Konzept „Riester“ heute eingeordnet werden?

Zunächst sollte man den weiteren bereits verabschiedeten und sich in Umsetzung befindenden Maßnahmen eine Chance geben. So wurde durch die Gründung der Produktinformationsstelle Altersvorsorge erstmalig in Deutschland eine neutrale Stelle zur Bewertung von geförderten privaten Altersvorsorge- Angeboten im Auftrag des Bundesministeriums der Finanzen geschaffen.

Um den Verbrauchern einen besseren Vergleich verschiedener Angebote zur Altersvorsorge – Riester und Basisrente – zu ermöglichen, müssen Anbieter von Zusatzrenten im Jahr 2017 ein einheitliches Produktinformationsblatt verwenden. Der Aufbau und der Inhalt des Produktinformationsblatts sind  gesetzlich normiert, um dem Verbraucher die Möglichkeit zu geben, die Chancen, Risiken, Garantien und Kosten der verschiedenen Angebote zur geförderten Altersvorsorge besser vergleichen zu können. Darüber hinaus müssen bestimmte Kosten- und Renditekennziffern, die über sämtliche Produktgruppen und -kategorien einheitlich ermittelt werden, dargestellt werden. Zur Lösung eines verbesserten Riester-Sparens müssen alle beitragen.

Wenn Sie ein Fazit ziehen, was würden Sie sagen, Riester abschaffen oder Riester beibehalten? Wie stehen die Chancen für Riester?

In der Politik gehen die Meinungen weiterhin auseinander. Die einen erklären die Riester-Rente für gescheitert, andere halten sie nach wie vor für alternativlos und für eine richtige Entscheidung. Völlig falsch wäre es, die Riester-Rente zum Wahlkampfthema zu machen und die Verbraucher so weiter zu verunsichern. Viele der derzeit noch sehr unausgegorenen Ideen für alternative neue Rentenprodukte haben ebenfalls ihre Schwachstellen. Neueste Untersuchungen zeigen, dass die umlageorientierte Rente auf Dauer nicht finanzierbar ist. Aufgeben sollte man die Riester-Rente daher zu diesem Zeitpunkt auf keinen Fall. Stattdessen sollten einige weitere Verbesserungen vorgenommen werden, die insbesondere folgende Punkte betreffen:

  • die Höhe der Förderung für Geringverdiener
  • die Anrechnung auf die Grundsicherung
  • die flexiblere Nutzung in der Auszahlungsphase der Riester-Rente

Neue Baustellen – in Form neuer Produkte – aufzumachen, bringt im Moment ziemlich wenig. Vielmehr sollten Politik, die Behörden, Anbieter und Vermittler gemeinsam dazu beitragen, das Riester-Produkt in dem gewünschten Umfang tauglich für die Altersvorsorge zu machen: die Politik durch mehr Förderung, die Anbieter und die Behörden durch leichtere Abwicklungsprozesse in allen Phasen des Vertrags und die Vermittler durch eine umfassende bedarfsgerechte und wiederkehrende Beratung, damit die Kunden verstehen, was ihr Riester-Produkt leistet und wo seine Grenzen liegen. Wenn es gelingt, diese Punkte unter einen Hut zu bringen, dann wird das Riester- Sparen funktionieren.

Herr Gattung, wir bedanken uns für die informativen Ausführungen.

 

Bild: (1) © Andrey Bandurenko / fotolia.com (2) © Aeiforia GmbH

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