Ende der Telematik?

Ist es für die Kfz-Telematik-Tarife vorbei, bevor es überhaupt richtig angefangen hat? Die S-Direkt hat ihr Pilotprojekt jedenfalls vorerst eingestellt. Der experten Report fragte bei Dr. Jürgen Cramer, Vorstandsmitglied der S-Direkt, nach den Gründen.

Herr Dr. Cramer, die Akzeptanz bei Verbrauchern für Telematik-Tarife scheint unvermindert hoch zu sein. Daran liegt es nicht, dass Sie das Pilotprojekt vorerst auf Eis legen – oder sagen Ihre Erfahrungen etwas anderes?

Wir haben ein hervorragendes Feedback von den Kunden – das ist wirklich nicht der Grund. Sie loben die Verständlichkeit und Transparenz des Tarifs. Der Grund liegt eindeutig bei den Kosten.

Sie haben schon im Vorfeld angemerkt, dass sich Telematiktarife, die sich auf reine Prämienreduzierung stützen, nicht rechnen werden. Der Preiskampf bei den Kfz-Versicherungen sei dafür zu hart. Ist die niedrige Prämie der Grund für das Aus?

Nein, wir hatten ja in der Tat nur einen Rabatt von 5 Prozent für vorsichtige Fahrer ausgelobt. Dies geht einher mit unserer Überzeugung, dass durch Telematik-Anwendungen die Schadenaufwendungen vielleicht nur um 5 bis 10 Prozent sinken werden. Denn viele Schäden, wie beispielsweise Steinschlag, Parkschäden, Hagelschäden etc. sind durch Telematik natürlich nicht beeinflussbar.

Ich kann ja lediglich Einfluss auf die Häufigkeit von Schäden nehmen, die durch das Fahrverhalten des Versicherungsnehmers entstehen. Da kann ich nicht von vornherein rabattieren.

Das Problem sind die Systemkosten von ca. 100 Euro pro Jahr bei einem solch umfangreichen Telematik-Sicherheits-Service, wie wir ihn angeboten haben. Und 100 Euro auf durchschnittlich 440 Euro Prämie ist schlichtweg zu teuer.

Wir Versicherer verhalten uns an der Stelle ungeschickt. Ein Autohersteller verkauft die Metallic-Lackierung für einen Aufpreis von 800 bis 1.000 Euro. Reiner Einkaufswert sind 70 Euro. Das ist eine respektable Gewinnspanne. Wir dagegen bieten ein tolles Produkt mit Werkstattservice, Assistanceleistungen und Notfallsystem und machen es noch günstiger als die sowieso schon preisgünstigen „normalen“ Kfz-Tarife.

Was genau sorgt für die hohen Kosten?

Wir müssen in jedes Auto, für das ein Vertrag abgeschlossen wird, eine Box einbauen. Das macht Hardwarekosten plus Einbaukosten. Da wir zur Diebstahlsicherung nicht mit einem Dongle arbeiten und die Telematikboxen im Innenraum professionell verbauen, entstehen Werkstattkosten von 60 Euro zzgl. Mehrwertsteuer.

Darüber hinaus entstehen Kosten für die Datenverarbeitung bei der Fahrstilerfassung – die Machine-to machine-Datenübertragung gibt es nicht umsonst, sondern wir müssen dafür Netznutzungsgebühren bezahlen. Auch das Service-Center, das die Notfallortung und -betreuung übernimmt, kostet. Und für all das erwarten die Kunden eine Prämienreduzierung. Das ergibt einen Kostenblock, der mit einem normalen Vertrag nicht aufzufangen ist.

Wie beurteilen Sie die Preisentwicklung in der Kfz-Versicherung?

Rational betrachtet wären steigende Preise in der Kfz-Versicherung notwendig. Denn Quersubventionierung durch andere Geschäftsfelder ist im Wesentlichen nicht mehr möglich. Und die Niedrigzinsphase erfordert zwingend auskömmliche versicherungstechnische Ergebnisse. Dies ist auch die oberste Maxime für das Nachdenken über Telematik-Tarife. Diesbezüglich ist unsere Hausaufgabe, nun intensiv am Kostenthema zu arbeiten. Denn wir gehen nicht davon aus, dass sich der Kunde an Telematik-System-Kosten beteiligen lassen will. Welcher Kunde bezahlt schon 80 bis 100 Euro im Voraus in der Hoffnung, dass er vielleicht eine Prämienreduktion bekommt, deren Höhe er dann nicht einmal kennt?

Die S-Direkt arbeitet mit einer Kostenquote von 12,5 Prozent sehr effizient (im Vergleich dazu liegt die Kostenquote im Markt bei fast 18 Prozent). Unsere Combined Ratio liegt unter 100 Prozent. Wenn wir diese Erfolgskennzahlen nicht gefährden, bleibt Telematik natürlich auch für uns weiterhin eine interessante Option.

 

Herr Dr. Cramer, wir bedanken uns für das offene und interessante Gespräch!

 

Bild: © Sparkassen DirektVersicherung AG

4 Comments

  1. Journalistunzeit sagt:

    Dass Herr Dr. Jürgen Cramer ein sicheres Standbein ist bestätigt der Zeitraum von fast 20 Jahren in seinem Job.
    Trotz allem hat er keinesfalls das Augenmaß oder den Bezug zum Kunden verloren, wie soviele in der Branche.
    Ich habe Herrn Dr. Jürgen Cramer als verärgerter Kunde kennegelernt und bin etwas über das Ziel hinausgeschossen.
    Ich habe mich auch dafür entschuldigt. Herr Dr. Jürgen Cramer hat die professionell
    und äußerst korrekt gehandhabt.
    Herr Dr. Jürgen Cramer ist einer von denen die Ihren Posten schwer erarbeitet haben und auf den jeder sufsehen kann, ohne Neid zu empfinden.

    Ich bedanke mich und wünsche Dr. Jürgen Cramer
    Gesundheit und weiterhin alles Gute

    Danke

    Journalistunzeit Berlin den 24.02.2017

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.